I. Einleitung
Seit
Beginn der ökonomischen Reformen durch die politische Führung im Jahr 1978
wandelt sich das Wirtschaftssystem der Volksrepublik China schrittweise von der
Planwirtschaft zur Marktwirtschaft.
Dieser
Liberalisierungsprozeß zeigt jedoch keine vergleichbaren Parallelen im politischen
Bereich.
Welche
Veränderungen sind tatsächlich im politischen System der letzten zwanzig Jahre
zu verzeichnen, und gibt es Gründe für das Fehlen einer von oben eingeleiteten
politischen Liberalisierung? Kann davon ausgegangen werden, daß im Fall Chinas
die wirtschaftliche Entwicklung automatisch eine politische Liberalisierung
nach sich zieht, selbst, wenn das herrschende Regime nicht Willens ist, einen
solchen Wandel zu initiieren? Oder haben nicht vielmehr unterschiedliche
Akteure die größte Bedeutung im politischen Transformationsprozeß?
Diese
Fragen sollen auf der Grundlage von akteurstheoretischen Überlegungen den
Ausgangspunkt für die Untersuchung der Rolle der Eliten im politischen Transformationsprozeß
der VR China bilden.
In Teil
II der Arbeit soll dieser theoretische Rahmen vorgestellt werden, in den Teilen
III bis V werden die Eliten der Politik, der Wirtschaft und der
Intellektuellen, die hier besonders Wissenschaftler und Literaten bezeichnet,
im Hinblick auf ihren Einfluß und ihre Relevanz im politischen Transformationsprozeß
untersucht.
Der
zeitliche Rahmen beschränkt sich dabei auf die Ära Jiang Zemin seit 1989
und die 4. Führungsgeneration unter Hu Jintao, die seit November 2002
im Amt ist. Die
militärische Elite soll in dieser Arbeit nicht behandelt werden, da ihre
Bedeutung im politischen Transformationsprozeß durch das Ausbleiben großer
Krisen während der Jiang Ära stark zurückgegangen ist.
Die
vorliegende Arbeit endet mit dem VI. Kapitel, das einen Überblick über die
Gesamtsituation des Demokratisierungsprozesses in China geben soll.
II. Der
theoretische Rahmen
In der Transformationsforschung, deren Ziel die Untersuchung
der Ursachen, Erfolge und Mißerfolge demokratischer Systemwechsel ist, haben
sich fünf Ansätze etabliert, auf deren Grundlage Demokratisierungsprozesse
analysiert werden. Dabei handelt es sich um Systemtheorie (Niklas Luhmann,
Talcott Parsons), Strukturtheorie (Barrington Moore), die
Modernisierungstheorie (Seymour Martin Lipset), Kulturtheorie (Samuel
Huntington) und die Akteurstheorie.
Letztere Theorie beruht auf der Annahme, daß Akteure die wichtigste Rolle in
der Transformation politischer Systeme spielen und sich die einzelnen Prozesse
aus den komplexen Interaktionen relevanter Akteure ableiten lassen. Einige der
Hauptvertreter der Handlungstheorie sind Guillermo O'Donnell, Philippe Schmitter und Adam Przeworski, die jedoch zwei unterschiedliche Strömungen der
Akteurstheorie vertreten. Diese sollen im folgenden nach einem Überblick über
die Charakteristika der Handlungstheorie kurz vorgestellt werden. Außerdem soll
die Rolle der Akteure im Transformationsprozeß kurz skizziert werden, und es
soll geklärt werden, inwiefern die Handlungstheorie auf den
Transformationsprozeß in China angewendet werden kann.
A. Akteurstheorie
Anfangs
muß der Begriff Akteurstheorie
genauer definiert werden. Unter Akteuren sind zunächst einmal verschiedene
politische und gesellschaftliche Akteure zu verstehen, wie z.B. Eliten,
Parteien, Verbände, Militär, Organisationen, Interessengruppen, Individuen,
etc. Im Transformationsprozeß spielen jedoch nicht alle Akteure von Beginn an
eine Rolle. Vielmehr kommen im Verlauf der Transformation und mit jeder Phase
neue Akteure hinzu oder scheiden wieder aus. So ist der Anfang eines Systemwechsels
häufig durch das alleinige politische Handeln der herrschenden Elite gekennzeichnet,
wobei bereits eine Spaltung der Führungsschicht in hardliner und softliner
stattgefunden hat. In den weiteren Transformationsphasen treten dann die
oppositionellen Eliten und mobilisierten Bevölkerungsmassen auf, und mit der
Konsolidierung der Demokratie bilden sich schließlich Parteien und
Interessengruppen heraus. Die Anzahl der Akteure nimmt im Laufe eines
Systemwechsels zu, und alle Beteiligten nehmen auf die Art und Weise und Dauer
des Demokratisierungsprozesses Einfluß.
Akteurstheorie in der Transformationsforschung beschäftigt sich mit der Funktion,
die verschiedenste Akteure in den einzelnen Phasen der Transformation haben.
Es wird davon ausgegangen, daß nicht, wie z.B. in der Modernisierungstheorie
angenommen, die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes für einen
Systemwechsel ausschlaggebend ist, sondern Akteure die größte Bedeutung für die
Demokratisierung eines Systems haben. Die einzelnen Entwicklungen werden als
Konsequenz vielschichtiger Wechselbeziehungen der zentralen Akteure gesehen.
Aus akteurstheoretischer Perspektive richtet sich das Ergebnis von
Transformationsprozessen nach den individuellen Einschätzungen, Strategien und
Handlungen der Handelnden und ist nicht so sehr durch Strukturen und
Machtkonstellationen bedingt.
Unter Akteurshandeln wird in der Transformationsforschung im allgemeinen Elitenhandeln
verstanden, da das Auftreten anderer Akteure, z.B. der Massen, häufig nur ein
vorübergehendes Phänomen zu einem bestimmten Zeitpunkt des
Demokratisierungsprozesses darstellt.
Es sind die Eliten, die durch ihre Interessen, Strategien und wechselnden
Koalitionen den Inhalt und das Tempo der Transformation prägen.
1. deskriptiv-empirische
Strömung (O'Donnell/Schmitter)
Die
bekanntesten Vertreter der deskriptiv-empirischen Strömung der Akteurstheorie
sind Guillermo O'Donnell und Philippe Schmitter, deren Forschung sich hauptsächlich
auf Lateinamerika bezieht.
Anhand von Analysen unterschiedlicher Transformationsprozesse war es ihnen
möglich, zu Schlußfolgerungen und allgemeinen Feststellungen bezüglich des
Verhaltens der an den Systemwechseln teilhabenden Akteuren zu gelangen.
Bei
diesem Ansatz werden auch wirtschaftliche, strukturelle und kulturelle
Rahmenbedingungen in die Analyse einbezogen. Allerdings bilden diese
sozioökonomischen Strukturen, politischen Institutionen, internationalen Einflüsse
und historischen Erfahrungen lediglich den Handlungskorridor, in dem die
beteiligten Akteure ihre Ziele verfolgen. Diese Perspektive der Akteurstheorien
geht davon aus, daß ein erfolgreicher Wechsel zur Demokratie nur dann stattfinden
kann, wenn die Handelnden aufgrund ihres Kosten-Nutzen-Kalküls diesen Wechsel
als rational betrachten. Demnach wäre eine Demokratisierung dann möglich, wenn
die Eliten ihren Nutzen höher einstufen als die politischen und sozialen
Repressionskosten für die Erhaltung eines autoritären Systems.
Ein erfolgreicher Transformationsprozeß, der sich durch die Phasen Liberalisierung,
Demokratisierung und Konsolidierung auszeichnet, hängt vor allen Dingen von
einer aussichtsreichen Liberalisierungsphase ab, während der das autoritäre
System Schritt für Schritt abgelöst wird. Folgende akteursspezifische
Voraussetzungen für eine erfolgreiche Liberalisierung lassen sich benennen:
(1) in den Regimeeliten des autoritären Systems bilden sich hardliner und softliner heraus; (2) den softlinern
ist es möglich, die hardliner von den
Vorteilen einer Liberalisierung zu überzeugen; (3) gesellschaftliche
Gruppen erkennen die ersten Schritte der Liberalisierung und nutzen diese
Situation zur Entwicklung oppositioneller Kräfte; (4) um zu erreichen,
daß die Demokratie als eine realistische Alternative zum autoritären Regime
angesehen wird, müssen sich die neugeformten Oppositionellen und die
reformbereiten Kräfte des alten Regimes zu einer Allianz zusammenfinden;
(5) die softliner müssen in der
Lage sein, das Veto-Potential der hardliner
zu neutralisieren, und (6) in der Opposition müssen sich die moderaten
Kräfte durchsetzen, die mit den herrschenden Regimeeliten Pakte
für den Ablauf der Demokratisierung aushandeln.
2. rational choice-Ansatz (Przeworski)
Adam
Przeworski sieht die Resultate seiner Untersuchungen auf der Basis des rational choice-Ansatzes vor allem
als Hypothesen, die zunächst noch verifiziert werden müssen. Bei diesem Ansatz
stehen die Variablen Strategie und Wahl im Vordergrund. Es wird davon
ausgegangen, daß das strategische Handeln der Akteure dem Grundsatz der
rationalen Wahl folgt und der Ausgang politischer Prozesse somit aus den
Interaktionen der beteiligten Akteure resultiert.
Der rational choice-Ansatz versteht die Liberalisierungsphase im Transformationsprozeß
als eine Aufeinanderfolge wechselnder Gegebenheiten, bei denen die Umstände,
unter denen die verschiedenen politischen Akteure handeln jeweils Ergebnisse
von vorhergehenden Aktionen sind. Mit dem rational
choice-Ansatz hat Przeworski
versucht, einen Ansatz mit spieltheoretischen Elementen zur Erklärung von
Systemwechseln zu entwickeln.
Die Wahl einer möglichst günstigen Strategie hängt folglich nicht nur von der
eigenen Handlung ab, sondern richtet sich auch nach der Strategiewahl des
Gegners. Dabei sind für die Entscheidungen der Akteure nur die gegenseitige
Interdependenz, Interessen und Präferenzen von Bedeutung. Wirtschaftliche,
strukturelle und kulturelle Rahmenbedingungen werden bei der Analyse ausgeblendet.
Günstige Akteurskonstellationen für eine Liberalisierung wären demnach:
(1) wenn durch Fehleinschätzungen der herrschenden Eliten die
Liberalisierungsphase eingeleitet wird, und zudem die Herrscher der Meinung
sind, Transformation sei ein von oben steuerbarer Prozeß, der jeder Zeit,
besonders bei drohendem Machtverlust der Regimeeliten, ohne große politische
und soziale Kosten wieder rückgängig gemacht werden kann;
(2) stehen den softlinern der
alten Elite und den moderaten Kräften der Opposition etwa die gleichen
Machtressourcen zur Verfügung, so ist eine Kooperation in Form von Pakten
günstig.
Der rational choice-Ansatz hat den Vorzug, daß er durch seine deduktive Vorgehensweise
nicht nur über die Möglichkeit zur Erklärung von Transformationsprozessen
verfügt, sondern auch ein gewisses Prognosepotential aufweist. Mit
spieltheoretischen Modellen können Strategien, Kooperationen und Konflikte der
Akteure in den einzelnen Phasen veranschaulicht werden und Prognosen bezüglich
der Erfolgsaussichten des Demokratisierungsprozesses angestellt werden.
Allerdings wird diesem Ansatz vorgeworfen, die Handlungen der Akteure zu isoliert
zu betrachten und die Ereignisse des politischen Prozesses unabhängig von
strukturellen und institutionellen Rahmenbedingungen zu sehen. Um eine ausreichende
Erklärung für einen Systemwechsel bieten zu können, bedarf es der Ergänzung
von Elementen aus den Struktur-, Kultur- und Institutionstheorien. Dadurch
können Interdependenzen der am Transformationsprozeß beteiligten Bereiche
berücksichtigt werden und in einem neuen Ansatz so die Demokratisierungsprozesse
treffender analysiert werden.
Das Problem der Nichtberücksichtigung der Rahmenbedingungen
trifft auf die rein deskriptiv‑empirische Analyse von O'Donnell und
Schmitter nicht zu. Allerdings stellt sich hier die Frage, inwiefern die
untersuchten Transformationsprozesse in Südamerika, die jeweils von den
Regimeeliten eingeleitet wurden, als Grundlage von Systemwechseln, die von
unten eingeleitet wurden, dienen können und inwiefern sich die in
Lateinamerika erworbenen Erkenntnisse auf andere Regionen der Welt anwenden
lassen.
B. Akteure im Transformationsprozeß
Hier soll
nur kurz ein Blick auf die Akteure im Transformationsprozeß geworfen werden. Es
ist zu beobachten, daß sich die Zahl der für die Demokratisierung relevanten
Akteure im Laufe des Prozesses erhöht.
Sind zu Beginn nur die hardliner und softliner des herrschenden Regimes an
dem Transformationsprozeß beteiligt, so kommen im Verlauf der Liberalisierungsphase
oppositionelle Kräfte und Bevölkerungsmassen hinzu. Mit der Demokratisierung
und Konsolidierung treten dann Parteien und Interessengruppen auf der
politischen Bühne auf, von der die Vertreter der Eliten des alten Regimes
bereits verschwunden sein können.
Desweiteren findet auf Seiten der Opposition im Verlauf der verschiedenen Phasen
ein Wechsel der Akteure statt. Parteien nehmen den Platz der anfänglichen Massenmobilisierung
ein und wirken fortan bei der Umsetzung der Demokratisierung entscheidend mit.
Zwischen den alten Regimeeliten und der Opposition werden während des
Transformationsprozesse häufig Pakte geschlossen.
O'Donnell und Schmitter führen folgende Definition von Pakten an:
„A pact can be defined as an
explicit, but not always publicly explicated or justified, agreement among a
select set of actors which seek to define (or better, to redefine) rules
governing the exercise of power on the basis of mutual guarantees for the
‚vital interests’ of those entering into it.”
Diese Pakte
können politischer, wirtschaftlicher oder sozialer Natur sein. Grund für Pakte
ist die in der Zeit der Systemtransformation existierende politische Unsicherheit.
Erst durch die Demokratisierung wird die Gewißheit erreicht, wo die genauen
Machtverhältnisse liegen. Bis dahin sollen Pakte helfen, durch genauere
Definitionen der Demokratisierungsinhalte und -grenzen die Unsicherheit zu
überwinden. Die „Festschreibung allgemeiner bürgerlicher Rechte und Freiheiten
sowie die Ausweitung von Partizipationsrechten in relevanten politischen Bereichen
und Institutionen”
sind mögliche Inhalte. Und obwohl die Pakte auf undemokratischem Weg zustande
kommen, denn sie werden weder mit demokratischen Mitteln realisiert, noch sind
die beteiligten Akteure demokratisch ausreichend legitimiert, so sind sie doch
wünschenswert, da sie Konflikte vermeiden und die Chancen auf eine
Konsolidierung der Demokratie erhöhen können.
In einer solchen Phase wird deutlich, daß die relevanten
Akteure durch ihr Handeln den Demokratisierungsprozeß weit stärker
beeinflussen, als z.B. langfristige wirtschaftliche Modernisierungsprozesse.
B. Anwendung der Akteurstheorie auf die
Volksrepublik China
Nach
diesem kurzen Überblick über die Akteurstheorie, stellt sich nun die Frage, in
welchem Maße dieser Ansatz geeignet ist, den Transformationsprozeß in der Volksrepublik
China zu analysieren und zu erklären. Hier muß zunächst untersucht werden, in
welcher Phase der Transformation sich China befindet, und ob am Ende dieser
Transformation überhaupt der Übergang zu einer Demokratie steht. Möglich wäre
nach einer Phase der Liberalisierung auch eine Rückkehr zum autoritären System.
Für China kann festgestellt werden, daß sich im ökonomischen Bereich zwar bereits
seit 1978 eine Liberalisierung vollzieht, diese aber nicht mit vergleichbaren
politischen Veränderungen einhergeht. Auf politischer Ebene hat es bislang nur
begrenzte Versuche gegeben, eine Öffnung des autoritären Systems
durchzuführen. Dies geschah - und geschieht - allerdings immer vor dem Hintergrund
des absoluten Machtanspruchs der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh).
Zeichnet sich, wie es beispielsweise bei den Studentenprotesten von 1989
der Fall war, eine Bedrohung dieser Machtverhältnisse ab, so werden
Liberalisierungsmaßnahmen sehr schnell rückgängig gemacht, notfalls auch mit
Gewalt.
Im Fall Chinas ist der Transformationsprozeß, an dessen Ende möglicherweise
eine Demokratisierung steht, also noch nicht abgeschlossen. Eine erste Liberalisierung,
bei der u.a. eine Spaltung der herrschenden Elite in hardliner und softliner
zu beobachten war, wurde 1989 wieder rückgängig gemacht. Hier wurden
Ende der 1980er Jahre die radikalen Reformer Hu Yaobang und Zhao Ziyang aus der
Partei ausgeschlossen, und die Konservativen Kräfte gewannen die Oberhand.
Für die Untersuchung der gegenwärtigen Lage in China ist die Anwendung des
akteurstheoretischen Ansatzes dahingehend problematisch, als daß er sich eher
für bereits abgeschlossene Transformationsprozesse, also für eine
ex-post-Analyse, anbietet. Erst im nachhinein ist es oft möglich, die jeweils
wichtigen Akteure zu identifizieren und bestimmte Ereignisse den Interaktionen
der beteiligten Akteure zuzuordnen.
In den folgenden drei Teilen dieser Arbeit sollen nun chinesische Eliten, denen
in einem Transformationsprozeß eine entscheidende Rolle zukommt, näher
untersucht werden. Die politischen und wirtschaftlichen Eliten sowie die Intellektuellen
sollen im Vordergrund stehen.
III. Die
politische Elite
In diesem
Teil der Arbeit wird einer der Hauptakteure in politischen Systemen und in
Transformationsprozessen untersucht — die politische Elite. Aus
akteurstheoretischer Sicht bildet sie den einflußreichsten Akteur in einem von
oben eingeleiteten und kontrollierten Demokratisierungsprozeß. Nach einer Spaltung
der Regimeeliten in hardliner und softliner folgt oftmals das Aushandeln
von Pakten mit der Opposition, wobei es die herrschende politische Elite ist,
die diese ersten Schritte in Richtung Liberalisierung des politischen Systems
initiiert.
Im folgenden soll die chinesische politische Elite, die sich aus Mitgliedern
der Kommunistischen Partei zusammensetzt, näher untersucht werden. Dabei sollen
besonders die Veränderungen im Wesen der chinesischen Führung betrachtet
werden, wie z.B. der Charakter der neuen technokratischen Elite und die
Entscheidungsfindung innerhalb der Elite. Auch von Bedeutung für einen möglichen
Demokratisierungsprozeß sind institutionelle Entwicklungen wie die Art der
Rekrutierung. Der zu betrachtende Zeitrahmen bezieht sich auf die
3. Führungsgeneration unter Jiang Zemin ab 1989 und die
Nachfolgegeneration unter Hu Jintao, die seit dem 16. Parteitag
der KPCh im November 2002 formell die politische Führung des Landes
übernommen hat.
A. Veränderungen im Charakter der Elite
„We are often told that China is governed by men, not
institutions, and that power is vested in individuals, not in established
structures of authority.” Dieses Zitat von David Bachman kann
als Ausgangspunkt für die Untersuchung der Veränderungen in der chinesischen
politischen Elite in den 1990er Jahren dienen.
Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre fand mit dem Machtwechsel von
Deng Xiaoping zu Jiang Zemin ein Generationenwechsel in der chinesischen
Führung statt. Durch das Abtreten alter Revolutionäre an der Spitze der Partei
und das Nachrücken jüngerer Führungskräfte, beginnt die Ära der Technokraten,
die bereits seit dem 12. Parteitag der KPCh 1982 im inneren
Machtzirkel der Partei vertreten waren.
1. Eigenschaften der
technokratischen Elite
An der
Parteispitze der KPCh, die größtenteils von Opfern der Kulturrevolution
dominiert wird, finden sich keine Revolutionsveteranen mehr. Die neue Führung
zeichnet sich durch Reformorientiertheit, Pragmatismus und technokratische
Ausbildung aus. Gleichzeitig verfügt die 3. Führungsgeneration um Jiang
Zemin im Vergleich zu der Ära Mao Zedong oder Deng Xiaoping nur über eine
begrenzte Unterstützung des Militärs und über weniger Macht und politische
Ressourcen. Desweiteren
tritt die Rolle der Ideologie hinter den Zielen der politischen Stabilität und
wirtschaftlichen Entwicklung zurück, und im Vergleich zu ihren Vorgängern haben
die Mitglieder der Führungsspitze weniger persönliche Verbindungen
innerhalb der Partei, so daß ihre informelle Machtbasis relativ dünn ist und
ihre Machtressourcen ähnlich stark verteilt sind.
Was eigentlich ist unter dem Begriff Technokraten
zu verstehen? Da dieses Wort in verschiedenen Ländern unterschiedlich
interpretiert wird,
ist eine Definition für China notwendig. Hier bezeichnen Technokraten
Ingenieure oder Naturwissenschaftler, die Experten mit praktischer Erfahrung
sind und Führungspositionen inne haben:
„[A technocrat is] a person
who is concurrently specialized by training in a technical science, holds a
professional occupation, and has a leadership position. [...] In a broad
sense, technocrats are defined as those who have expertise, practical
experience, and leadership positions. In a narrow sense, only those who are
trained in engineering and natural sciences should be identified as
technocrats.”
Technokraten
erschienen Anfang der 1980er Jahre auf der politischen Bühne, wo sie wegen
ihrer professionellen Fähigkeiten für die wirtschaftliche Modernisierung gebraucht
wurden. Von ihren Vorgängern, den revolutionären Veteranen, unterscheiden sich
die Technokraten dahingehend, daß sie mehr Wert auf die Kontrolle der
Bürokratie als auf politische Kampagnen legen. Wenn die Legitimitätsbasis für
Mao die Revolution und Vereinigung des Landes war, so stellt für die
3. Führungsgeneration ihre Fähigkeit, das Wirtschaftswachstum weiter
anzukurbeln, die Hauptbasis ihrer Macht dar.
Schaut man sich die neue Technokratengeneration unter Hu
Jintao an, so fällt auf, daß die Bedeutung der Ideologie weiter in den Hintergrund
zu treten scheint. Durch ihre Erfahrungen während der Kulturrevolution ist
diese Elite „politically sophisticated but ideologically disillusioned.”
2. Entscheidungsfindung
innerhalb der Elite
Nicht nur
die Zusammensetzung der Parteiführung erfuhr mit der Zeit eine Wandlung, auch
der Entscheidungsfindungsprozeß sieht heute anders aus als in der Ära Mao, in
der Massenbewegungen, Terror und Vertreibung die Entscheidungsfindung beeinflußten.
Bereits zu Dengs Zeiten war es für die oberste Führung nötig, mit anderen
Faktionen in der Parteispitze Verhandlungen zu führen oder Koalitionen zu
bilden, um bestimmte Ziele zu erreichen und oppositionelle Meinungen in der
Elite auszuschalten.
Der Trend von einem einzelnen, alles überragenden, charismatischen Führer zu
einer kollektiven Führung setzte sich unter Jiang weiter fort. Dieser verfügte
im Vergleich zu Mao und Deng nicht mehr über eine konzentrierte Machtfülle und
großen Einfluß innerhalb der Elite, so daß es ihm nur durch Koalitionsbildung
und Kompromisse gelang, seine Führung in der Partei zu behaupten.
In der 3. und 4. Führungsgeneration war und ist keiner in der
Parteiführung mächtig genug, Rivalen im Führungszirkel der Partei zu
entmachten. Verhandlung, Kompromiß, Konsens, Koalitionsbildung und
Machtteilung stehen im Vordergrund und charakterisieren die heutige Politik in
China. Hier zeigt sich ein weiteres Merkmal der neuen Technokratenelite, die
Rationalität und logisches Denken der Radikalität, die politische
Entscheidungen der Mao Ära auszeichnete, vorzieht.
Eine zusätzliche Pluralisierung des Politikprozesses fand durch die stärkere
Einbeziehung verschiedener Akteure in den Entscheidungsfindungsprozeß statt.
Neben dem Ständigen Ausschuß des Politbüros der KPCh wurden das General Office of the Central Committee,
die Finance and Economics Leading Group
und das Policy Research Office of the
Central Committee, dessen Aufgabe Politikberatung ist, in den Politikprozeß
einbezogen. Außerdem werden vermehrt Forschungsinstitute und think tanks als beratende Organe am
Politikprozeß beteiligt.
Diese Faktoren zeigen einen Trend zur rationalen Entscheidungsfindung, in der
die zusehends komplexen Aufgaben der Politik unter Einbeziehung professioneller
Expertisen und Beratung gelöst werden.
B. Institutionelle Entwicklungen
Im Hinblick auf Institutionen und Institutionalisierungen
von Prozessen hat es in China ebenfalls Weiterentwicklungen gegeben. Bei dem
Großteil der in den 1990er Jahren umgesetzten Maßnahmen, handelt es sich um
Beschlüsse, die schon während der Deng Ära getroffen wurden. Einige Maßnahmen,
die den Politikprozeß nachhaltig beeinflussen, sollen kurz vorgestellt
werden.
1. institutionalisierte
Regeln
In den 1990er Jahren gab es innerhalb der politischen Elite
eine hohe Rate an Abgängen. Grund hierfür war die Implementierung von Regeln,
die die Amtszeit der Führungskader auf fünf Jahre begrenzen und nur eine
Wiederwahl erlauben.
Gleichzeitig wurde eine Altersbeschränkung umgesetzt, die ebenfalls dafür
sorgte, daß viele Mitglieder der politischen Elite ihre Ämter aufgeben mußten:
„According to the regulations
issued by the Politburo in 1997, except in extraordinary circumstances, all
top leaders (including the standing members of the Politburo, and the premier
and vice premier of the State Council) must retire by age 70. All ministers of
the State Council, provincial chiefs, and top military officers in the
military regions cannot hold these posts after age 65, and their deputies
should not continue to serve after age 63.”
Ein anderer Mechanismus, der institutionalisiert wurde,
betrifft die Bevorzugung von Kandidaten bei der Ämtervergabe. Hier wurde
festgesetzt, daß mehr Kandidaten aufgestellt werden müssen als Sitze zur
Vergabe stehen. Damit besteht zumindest in geringem Maß die Möglichkeit einer
Auswahl der Kandidaten. Außerdem sollen in regelmäßigen Abständen die
Führungen der Provinzen untereinander wechseln sowie in den Provinzregierungen
verstärkt Rotationen durchgeführt werden, damit Eliten nicht ihren
Heimatprovinzen oder Heimatstädten vorstehen.
2. Rekrutierung der
politischen Elite
In der
Art der Elitenrekrutierung hat sich seit der Mao Ära viel verändert. Waren
früher noch revolutionäre Vergangenheit, Klasse, persönliche Netzwerke und
Ideologie vorherrschende Auswahlkriterien für die Rekrutierung und Beförderung
von Eliten, so wird heute Wert gelegt auf technisches Know‑how und
Verwaltungsfähigkeiten. Ideologische Kampagnen zu starten oder revolutionäre
Massen zu mobilisieren, sind heutzutage keine Aufgaben der politischen Elite
mehr.
Die Rekrutierung der neuen Führungskader hat sich an die gewandelten Anforderungen
angepaßt. Die gegenwärtige Führungsriege hat ihr wirtschaftliches und technologisches
Fachwissen hauptsächlich an der Qinghua Universität, der zentralen Parteischule
und im Kommunistischen Jugendverband erworben, aus denen die neuen Eliten
rekrutiert werden. Der neue Staats- und Parteichef Hu Jintao ist
beispielsweise Absolvent der Qinghua Universität, stand dem Kommunistischen
Jugendverband vor und diente als Präsident der zentralen Parteischule.
Zwar spielen auch Vetternwirtschaft und Beziehungen immer noch eine Rolle in
der Auswahl der Elite, aber mehr und mehr trägt die Diversifizierung
politischer Netzwerke zu einer Machtstreuung bei.
Aus der veränderten Form der Elitenrekrutierung ergibt sich auch eine Verschiebung
in der Legitimitätsgrundlage. In der Mao Ära erschloß sich die Legitimität
bereits dadurch, daß man sich durch Mitwirkung in der Revolution oder aktive
Mitarbeit in Kampagnen um das Land verdient gemacht hatte und in die Elite
aufgestiegen war. Während der Amtszeit Jiang Zemins wurden Wirtschaftswachstum,
höhere Einkommen der Bevölkerung, bessere Ausbildung und Infrastruktur zu
Maßstäben für die Legitimation der Führung. Die Bedürfnisse der Bevölkerung
werden mehr und mehr zur Norm, an der die Rechtmäßigkeit der Führungsspitze
gemessen wird.
C. Ausblick
Es zeigt
sich in der Entwicklung der letzten zwanzig Jahre, daß Schritte in Richtung
einer politischen Transformation unternommen werden. Das Motiv für die
politischen Veränderungen ist allerdings kein Wille der Partei, einen Demokratisierungsprozeß
zu initiieren, sondern leitet sich vielmehr aus dem Ziel ab, das Herrschaftsmonopol
der KPCh uneingeschränkt beizubehalten.
Nichtsdestoweniger sind die bisherigen Entwicklungen in der chinesischen Politik
einer Demokratisierung durchaus förderlich. Die Radikalität früherer politischer
Entscheidungen ist einer Rationalität gewichen, die vor allem auf die veränderte
Zusammensetzung der Führungsspitze zurückzuführen ist. Der Trend von einem
einzigen, mächtigen Führer zu einer kollektiven Führung, begünstigt die Bildung
von Koalitionen, das Aushandeln von Kompromissen und die Konsensfindung zum
Zweck der Politikgestaltung. Aufgrund von mehr und mehr institutionalisierten
Regeln bezüglich Amtszeiten und Altersbeschränkungen, wird es in Zukunft
schwieriger sein, dauerhafte Koalitionen zu bilden, die den Politikprozeß über
Jahrzehnte beeinflussen könnten. Auch das breit gefächerte Rekrutierungssystem
verhindert in gewissem Maß das Zustandekommen anhaltender Koalitionen, da es
für Politiker problematischer geworden ist, ihre Protégés einzusetzen.
Der Trend zur Machtteilung zeigt sich außerdem im Entscheidungsfindungsprozeß,
an dem neben dem Ständigen Ausschuß des Politbüros diverse andere Akteure beteiligt
sind. Diese Entwicklung unterstützt auch die Rolle von Institutionen im
Politikprozeß und bedeutet eine Chance für den Nationalen Volkskongress (NVK),
seine Rolle als politischer Akteur auszuweiten und eine wichtige Rolle in der
Politik zu übernehmen.
Auf Provinzebene wird mit der Rotation der Führungskader das Ziel der Stabilität
und Einheit der Volksrepublik verfolgt. Auf der einen Seite sollen die Stärkung
der Provinzen gegenüber der Zentrale und Korruption verhindert werden und
separatistischen Tendenzen einiger Provinzen vorgebeugt werden. Auf der
anderen Seite wird so auch möglichen Föderalisierungstendenzen entgegengewirkt,
die eine Demokratisierung des Landes vereinfachen könnten.
Neue Anforderungen an die politischen Akteure in technischen und wirtschaftlichen
Bereichen haben zur Herausbildung neuer Eliten geführt, und nicht zuletzt ist
es der Charakter der Technokraten, der besonders von den Erfahrungen während
der Kulturrevolution geprägt ist, der für eine Umorientierung in der chinesischen
Politik sorgt:
„[...] these experts are less
ideological, more reform‑minded, more cosmopolitan, and more forward‑
and outward‑looking. Behaving like coordinators rather than politicians,
they stress technical and administrative feasibility in policymaking.”
Um eine
Liberalisierung auf politischer Ebene zu ermöglichen, steht an erster Stelle
die Spaltung der herrschenden Eliten in hardliner
und softliner. Die in jüngster Zeit stattgefundene
Spaltung Ende der 1980er Jahre, als Hu Yaobang und Zhao Ziyang die Gruppe der
radikalen Reformer anführten, hatte keine politische Liberalisierung zur Folge.
Die radikalen Reformer wurden von den Konservativen ausgeschaltet, und mit den
Ereignissen im Juni 1989 wurde mit Gewaltanwendung zum autoritären
System zurückgekehrt.
Eine
erneute Spaltung der Regimeeliten könnte sich ereignen, wenn die Meinungen in
der Führung bezüglich problematischer Themen auseinandergehen. Die Problematik
der Arbeitslosigkeit und der Wanderarbeiter, z.B., könnte sich als Gefahr für
das Wirtschaftswachstum erweisen. Werden also vor dem Hintergrund ökonomischer
Stabilität verschiedene Vorgehensweisen bevorzugt, ist eine Spaltung der
Eliten nicht auszuschließen.
Eine wichtige Rolle im Transformationsprozeß spielt außerdem die Interaktion
der politischen Elite mit anderen Eliten der Gesellschaft. Solange es der
politischen Führung gelingt, die Interessen anderer Beteiligten in ihren
Entscheidungen zu berücksichtigen, ist von dieser Seite wenig Druck bezüglich
einer Demokratisierung zu erwarten. Die Regimeelite sähe demnach keinen Anlaß,
eine politische Liberalisierung in die Wege zu leiten. Können die Interessen
der politischen Elite durch schrittweise Veränderungen und Entwicklungen
gewahrt werden, wird es keinen Grund geben, nicht an dem jetzigen System
festzuhalten. Treten aber Forderungen der Bevölkerung und von anderen einflußreichen Eliten auf, die unter Beibehaltung des gegenwärtigen Systems
nicht mehr erfüllt werden können, ergibt sich hier die Möglichkeit für die politische
Elite, einen geordneten und von oben kontrollierten Systemwechsel einzuleiten.
Das eingangs des Abschnitts A. erwähnte Zitat von David Bachman erweist sich
für die Charakterisierung des Zustandes der chinesischen Politik als nicht mehr
zutreffend. Die Veränderungen können mit David Shambaughs Worten beschrieben
werden: „Elite power is now more vested in institutions than in
individuals.”
Für die VR China läßt sich feststellen, daß es bisher noch keinen
offiziell eingeleiteten Transformationsprozeß in der Politik gibt, sich das
System aber bereits im Wandel befindet und erste Anzeichen für einen
Systemwandel zu erkennen sind. Ob am Ende dieses Wandels eine Demokratisierung
steht, ist heute allerdings noch offen.
IV. Die
Wirtschaftselite
In diesem
Teil soll die Rolle der Wirtschaftselite im chinesischen Transformationsprozeß
untersucht werden. Dieser Elite muß besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden,
da sie in ihrem ökonomischen Umfeld bereits eine Liberalisierung erfahren hat
und von ihr entscheidende Impulse auch für eine politische Liberalisierung
ausgehen könnten.
Seit Einleitung der Wirtschaftsreformen durch Deng Xiaoping im Jahr 1978,
funktioniert die chinesische Wirtschaft mehr und mehr nach marktwirtschaftlichen
Prinzipien. Im Zuge einer von der Politik in die Wege geleiteten ökonomischen
Liberalisierung, konnte sich eine Schicht in der chinesischen Gesellschaft
herausbilden, die heute in weiten Teilen unabhängig von der Partei operieren
kann. Die Vorherrschaft des Staates und der Partei wurden in diesem
gesellschaftlichen Teilsystem zurückgedrängt, und individuelle Emanzipation
und neue wirtschaftliche Freiheiten waren die Folge.
Der Wirtschaft und ihren Vertretern kommt eine weitere grundlegende Funktion
zu, als daß der Erfolg und die Legitimität der chinesischen Führung von den
Errungenschaften der Wirtschaft abhängt. Die Ideologie ist in der Ära Deng als
Legitimitationsbasis in den Hintergrund getreten; eine Tendenz, die sich auch
in der Ära Jiang Zemin fortgesetzt hat. Statt dessen begründet die Kommunistische
Partei ihren Führungsanspruch mit dem ökonomischen Fortschritt und hohen
Wachstumsraten des Sozialproduktes, die dem ganzen Land Wohlstand bringen sollen.
Die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft ist so zur wesentlichen Voraussetzung
für die Stabilisierung der Macht der Parteiführung geworden.
Im folgenden soll die Relevanz der Wirtschaftselite im politischen Transformationsprozeß
verdeutlicht werden, wobei zwei verschiedene Thesen im Mittelpunkt stehen. Der
optimistischen Ansicht von Thomas Heberer, daß die Wirtschaftselite entscheidenden
Einfluß auf den Demokratisierungsprozeß haben werde, folgt die Einschätzung von
Margaret Pearson, die in dieser Hinsicht weniger optimistisch ist.
A. Die Wirtschaft als Wegbereiter der
Demokratie
Aufgrund
der privatwirtschaftlichen Entwicklung in der VR China, sieht Thomas
Heberer Ansätze für einen positiven Einfluß der Wirtschaftselite auf den Demokratisierungsprozeß
in China.
Die marktwirtschaftliche Entwicklung seit Ende der 1970er Jahre hat dazu geführt,
daß sich neben den Staatsunternehmen auch Privatunternehmen etablieren konnten.
Diese Unternehmerschaft sieht Heberer als möglichen Ursprung einer Mittelschicht,
die als Katalysator eines Demokratisierungsprozesses fungieren kann, indem sie
soziale und politische Veränderungen auslöst.
Durch diese Mittelschicht würde außerdem die Trennung von Staat und
Wirtschaft vorangetrieben. Eine solche Entwicklung kann dazu beitragen, daß
sich die gesellschaftlichen Teilsysteme weiter ausdifferenzieren und stärkere
Autonomie gegenüber der Partei erreichen.
Durch ökonomischen Fortschritt ist zudem Eigentum entstanden, welches die
Unternehmer geschützt wissen wollen. Hier wirkt sich die Entstehung einer neuen
gesellschaftlichen Schicht auf staatliche Institutionen aus, denn Rechtssicherheit
wird durch Gerichte und Gesetze garantiert. Für die politische Elite ist ein
funktionierendes Rechtssystem ebenfalls wünschenswert, denn aus der Wirtschaftsperspektive
stellt China für ausländische Investoren einen günstigen Standort dar, in den
es sich bei Bestehen eines funktionierenden Rechtssystems ohne große Risiken
investieren ließe. Ausländisches Engagement in Chinas Wirtschaft kann sich
wiederum positiv auf das Wirtschaftswachstum und somit auf die Legitimitätsgrundlage
der Parteiführung auswirken.
Eine weitere Konsequenz von Privatisierung, und gleichzeitig auch eine wichtige
Voraussetzung für einen Demokratisierungsprozeß, ist die einsetzende
Pluralisierung der Gesellschaft. Wo in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen
immer noch die Partei Kontrolle und Verantwortung hat, kann die neue soziale
Schicht der Unternehmer im Bereich der Wirtschaft weitestgehend unabhängig von
den Vorgaben der Partei agieren und somit Eigenverantwortung übernehmen. Durch
diese Entwicklung werden die Wirtschaftseliten gegenüber den politischen
Eliten gestärkt und können in der Zukunft ihre neugewonnene Macht einsetzen, um
auch im politischen Bereich auf Reformen zu drängen.
Angesichts der Beschränkung staatlichen Eingreifens in Wirtschaftsprozesse
wird die Stellung des Staates aber nicht nur geschwächt, vielmehr erschließen
sich neue Aufgabenbereiche wie beispielsweise die Schaffung von
Rahmenbedingungen.
Seine Argumentation faßt Heberer in einem Schaubild zusammen, das er das
magische Dreieck nennt:
Grafik s.
www.ahk-china.org/download/20-jahre-reformpolitik.pdf,
S.10
Heberer geht davon aus, daß es sich bei der Entstehung neuer
Eliten, dem Wandel von Institutionen und dem gesellschaftlichen
Wertewandel „um institutionelle Formen der Veränderung mit zwingender
Wirksamkeit handelt”,
die für Staat, Gesellschaft und Wirtschaft unumgänglich sind.
B. Keine Forderungen nach politischer
Liberalisierung aus der Wirtschaft
Margaret Pearson hat die Rolle der Privatunternehmer und der Manager ausländischer
Betriebe in China im Transformationsprozeß untersucht und dabei festgestellt,
daß ein aktives politisches Engagement dieser Wirtschaftselite
nicht zu erkennen und auch nicht zu erwarten ist.
Die Haltung der Wirtschaftselite im politischen Transformationsprozeß kann aus
verschiedenen Gründen als passiv charakterisiert werden. Damit ist gemeint,
daß sie sich nicht im Sinne eines der politischen Elite gleichwertigen Akteurs
verhält, sondern sich weitestgehend aus der Politik heraushält. Das
Desinteresse vieler Mitglieder der Wirtschaftselite, politisch mitzuwirken,
rührt vielfach von einer gewissen Anti-Partei-Haltung. Die Abneigung gegenüber
der Kommunistischen Partei und der damit verbundene Unwillen, politisch aktiv
zu sein, haben ihren Ursprung u.a. in der Kulturrevolution, in der viele von
ihnen dazu gezwungen wurden, sich aktiv zu beteiligen. Desweiteren haben viele
Studenten, die 1989 an den Studentenprotesten beteiligt waren, nun Positionen
in der Wirtschaft inne. Die gewaltsame Niederschlagung der Proteste durch die
Regierung hat jedoch eine Desillusion bezüglich der Ideologie und der
Parteiführung bei ihnen ausgelöst, die sich noch heute auf das Handeln der Wirtschaftselite
auswirkt. Obwohl diese gesellschaftliche Schicht einen gewissen Grad an Autonomie
dem Staat gegenüber erreicht hat, scheinen die Mitglieder dieser Elite ihre
Vorteile nicht nutzen zu wollen:
„They do not seek out
opportunities to engage in regular contacts with the state for broader
political or policy‑related purposes [...] [and] they do not attempt to
organize independently to press for broad changes at either the local or national
level.”
Mitglieder der Wirtschaftselite sehen oft keinen Anlaß,
politische Veränderungen auf formellem Weg herbeiführen zu wollen. Allerdings
wird die Regierung von der Wirtschaftselite in Bereichen, die für letztere von
Interesse sind, auf andere Art und Weise beeinflußt. Hier werden informelle
Kanäle, wie die Beziehungsnetzwerke (guanxi),
bevorzugt genutzt:
„[...] they possess an
alternative strategy for influencing officials ‑ namely,
personalistic ties ‑ that is more acceptable to the state and
does not require activism of the sort members of the economic elite wish to
avoid.”
Diese
engen vertikalen Verbindungen sind für die Beziehung zwischen dem chinesischen
Staat und der chinesischen Wirtschaftselite essentiell. Das Ziel dieser Art von
Interaktion ist nicht so sehr, die existierenden formellen Regeln zu ändern,
als vielmehr, sie zu umgehen.
Obwohl aus der relativen strukturellen und ideologischen Unabhängigkeit der
Wirtschaftselite geschlossen werden könnte, daß sich eine Zivilgesellschaft
herausbildet, leitet Pearson aus der Tatsache, daß die Wirtschaftselite nicht
versucht, mittels Lobbyarbeit direkt auf die Regierung Einfluß zu nehmen,
sondern über Netzwerke agiert, die Annahme ab, die Wirtschaftselite würde keine Anfänge einer Zivilgesellschaft
verkörpern.
Pearson sieht die Beziehung zwischen Regierung und Wirtschaft in der Zukunft
weiterhin von informellen Netzwerken geprägt, solange die wachsenden Interessen
der Wirtschaftselite nicht angemessen in bereits bestehenden politischen
Institutionen vertreten werden.
Chinas neue Wirtschaftselite hat sich bislang nicht in eine unabhängige und politisch
aktive gesellschaftliche Schicht entwickelt, die Forderungen nach politischer Liberalisierung
an die Staatsführung stellt. Andere soziale Schichten
bergen mehr Potential, Druck auf die politische Elite auszuüben und Demokratisierungsmaßnahmen
zu verlangen, allerdings könnten sich die wirtschaftlichen Eliten dazu
entschließen, sich mit diesen Gruppen zu verbünden und sie beispielsweise
finanziell zu unterstützen.
Die Verbindung zwischen wirtschaftlichen Reformen und politischem Wandel ist
äußerst komplex, und es kann nicht zwangsläufig angenommen werden, daß ökonomische
Liberalisierung allein zum Auslöser politischen Wandels wird, insbesondere wenn
das herrschende Regime nicht Willens ist, einen solchen Wandel zu initiieren.
C. Ausblick
Der von
der Regierung eingeleitete ökonomische Transformationsprozeß von der
Planwirtschaft zur Marktwirtschaft findet in der VR China statt, ohne, daß
auf politischer Ebene gleichfalls ein offizieller Transformationsprozeß
eingeleitet worden wäre. Welche mögliche Rolle kann der Wirtschaftselite bei
der Einleitung oder während eines politischen Liberalisierungsprozesses
zukommen?
Aufgrund der nur noch geringen Bedeutung der Ideologie als Legitimation der
Herrschaft der Kommunistischen Partei, ist für die herrschende Elite eine erfolgreiche
Wirtschaftsentwicklung von größter Relevanz. Das Handeln der Partei sowie das
ihrer Funktionäre hängt stark von diesen ökonomischen Gegebenheiten ab. Die
Wichtigkeit der wirtschaftlichen Entwicklung als Legitimitätsbasis
der KPCh kommt auch in den Grundprinzipien der Partei zum Ausdruck, in
denen die sozialistische Marktwirtschaft Anfang der 1990er Jahre zum
Ziel der Parteipolitik erklärt wurde.
In diesem Zusammenhang muß ein Blick auf mögliche Ursachen für ein Ende eines
autoritären Regimes geworfen werden. Eine Legitimitätskrise kann aufgrund ökonomischer
Ineffizienz auftreten, aber auch ökonomische Effizienz kann einen Anlaß für
einen Systemwechsel bieten.
Durch eine schnelle wirtschaftliche Entwicklung können neue politische und
wirtschaftliche Partizipationsforderungen in den gesellschaftlichen Eliten
entstehen, die ein wesentliches Druckpotential in Richtung Demokratisierung
schaffen können. Dieses Szenario hat sich jedoch für China bisher nicht
bewahrheitet. Im Gegenteil, das gestiegene wirtschaftliche Entwicklungsniveau
führte zu einer dauerhaften Stärkung der Legitimation der Kommunistischen
Partei, und eine gesellschaftliche Mittelschicht mit konkreten Forderungen nach
politischer Liberalisierung hat sich nicht herausgebildet.
Im Wirtschaftssektor läßt sich zudem erkennen, daß es keine starken horizontalen
Bindungen innerhalb des Sektors gibt, die einer Organisation und Bündelung der
Interessen dieser Elite förderlich sein könnten. Diese Organisation ist aber
eine wichtige Grundlage im Demokratisierungsprozeß, denn aus den gesellschaftlichen
Akteuren bildet sich die Opposition zum herrschenden Regime. Erst auf dieser
Basis können die in Teil II beschriebenen Pakte zwischen der Opposition
und den herrschenden Eliten zustande kommen.
Um an einem Systemwechsel aktiv mitzuwirken, muß die Wirtschaftselite vor allem
Interesse an einer Demokratisierung bekunden. In einer Untersuchung von Demokratisierungsprozessen
in Südamerika ließ sich feststellen, daß die dortige Wirtschaftselite eine
Militärherrschaft oder ein autoritäres System befürworteten, um die Stabilität
in der Wirtschaft beizubehalten. Im Falle einer Demokratisierung fürchteten
sie den steigenden Einfluß von Arbeitern und Gewerkschaften.
Solange auch die Wirtschaftselite in China ähnliche Interessen hat, und sonst
in anderen Bereichen keine großen Divergenzen von Interessen mit der
herrschenden Elite auftreten, wird die Wirtschaftselite auch weiterhin nur ihren
Geschäftstätigkeiten nachgehen und politische Aktivitäten vermeiden.
Um eine aktive Rolle der Wirtschaftselite im Transformationsprozeß erwarten zu
können, müssen sich demnach ihre grundlegenden Interessen ändern, und diese
zugleich nicht mehr von der politischen Elite vertreten werden. Außerdem müßten sich die gesellschaftlichen Akteure organisieren, um eine Opposition zum
herrschenden Regime bilden zu können. Erst dann würden sie zu einem aktiven
Akteur in einem Demokratisierungsprozeß und könnten Druck auf die herrschende
Elite ausüben.
V. Die
Intellektuellen
Der Elite
der Intellektuellen kommt im Transformationsprozeß eine besondere Bedeutung
zu. Es ist diese Gruppe, in der sich die ersten Anzeichen gesellschaftlicher
Veränderungen bemerkbar machen.
Den
Diskussionen verschiedener Ideen innerhalb der intellektuellen Kreise wird vom
Rest der Gesellschaft, abhängig von der Intensität dieser Debatten, in unterschiedlichem
Maß Beachtung geschenkt. 1989 kulminierte die Auseinandersetzung der
Intellektuellen mit den Themen Demokratisierung und Liberalisierung in die
Studentenproteste, die am 4. Juni von der Regierung gewaltsam niedergeschlagen
wurden.
Das Thema Demokratie wird seit Beginn der 1980er Jahre verstärkt diskutiert,
wobei einer der Aspekte im folgenden näher betrachtet werden soll, nämlich das
chinesische Verständnis von Demokratie.
Mit dem inhaltlichen Wandel der Demokratiedebatte, die sich
seit 1989 hauptsächlich auf das Thema der Zivilgesellschaft konzentriert,
ging auch eine Veränderung im Verhältnis zwischen den Intellektuellen und dem
Staat einher, welches im Abschnitt B. erläutert werden soll.
A. Das chinesische Verständnis
von Demokratie
Mit
Beginn der 1980er Jahre spiegelte sich die im Wandel begriffene soziale
und kulturelle Realität Chinas auch in einer neuen Auffassung von Demokratie
wider. Die geistige Neuausrichtung des Demokratieverständnisses in Chinas
intellektuellen Kreisen betraf in erster Linie die Veränderungen in der Beziehung
zwischen Staat und Gesellschaft. Der orthodoxen Auffassung des Regimes
zufolge, basierte Demokratie auf der Einheit von Interessen innerhalb des
Volkes und zwischen dem Volk und der Kommunistischen Partei. Die Partei
herrschte zum Wohl der einheitlichen Interessen des Volkes.
Diese
Definition von Demokratie wurde allerdings von vielen Intellektuellen
abgelehnt. Zum einen sahen sie die Gesellschaft mehr und mehr als vom Staat
getrennt an, zum anderen wurde die Gesellschaft als Pluralismus von sozialen
Interessen verstanden, in der sich die vom Regime proklamierte Einheit nicht
fand.
Die
Trennung von Staat und Gesellschaft wurde als nötige Grundlage der Demokratie
begriffen. Hier sollte sich durch Wirtschaftsreformen eine Zivilgesellschaft
herausbilden, deren wirtschaftliche Freiheiten als Voraussetzung für politische
Freiheit und Demokratie erachtet wurden. „The market
economy [...] require[s] economic players to be independent, free, and equal.
This in turn would foster demands for political freedom and democracy [...].”
Die Betonung der Interessenvielfalt leitete sich aus der Annahme ab, daß die
verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen ihren Interessen Ausdruck verleihen
wollen. Dies sei ein entscheidendes Element der Demokratie. „The
motivation for democratic participation lay in the difference of interests
among social groups and the need to voice these differences in order to pursue
group interests.”
Diese Diskussion über eine neue Definition von Demokratie trug ihren Teil zu
den Veränderungen im intellektuellen Klima der 1980er Jahre bei, die ihren
Höhepunkt in der Demokratiebewegung von 1989 fanden.
Nach dem Scheitern der Bewegung wurden viele Verfechter der neuen Ideen
verhaftet, flohen ins Ausland, oder hörten auf, in wissenschaftlichen Zeitschriften
zu publizieren. Allerdings tauchten ihre Ideen schon kurze Zeit später wieder
auf, denn die Repressionskampagne der Regierung gegenüber den Intellektuellen
fand schon 1990 ein Ende.
In der Folge dominierte ein anderer Aspekt der Demokratiedebatte – die Theorie
der Zivilgesellschaft. In ihr vereinigten sich die Theorie vom Dualismus von
Staat und Gesellschaft und die Theorie des gesellschaftlichen Pluralismus.
Die
Grundlage der Demokratie sollte durch einen autonomen Bereich gebildet werden,
in dem das soziale und wirtschaftliche Leben vom politischen Leben des Staates
abgegrenzt ist.
Diese Demokratiedebatte konnte sich in den 1990er Jahren ohne repressives
Einschreiten der politischen Führung entfalten. Ermöglicht wurde dies durch
eine Verlagerung des Diskursinhaltes. Statt eine sofortige Demokratisierung
Chinas zu verlangen, lag die Betonung nun auf der Entwicklung der für die Demokratie
nötigen sozioökonomischen und kulturellen Rahmenbedingungen.
B. Die Beziehung zwischen den
Intellektuellen und dem Staat
Chinas
intellektuelle Elite hat sich in den letzten Jahrzehnten in den unterschiedlichsten
politischen Kontexten bewegt.
Nachdem
die Verfolgung der Intellektuellen während der Kulturrevolution in der Mao Ära
verheerende Folgen für die Gemeinschaft hatte, stieg ihr Ansehen in der Gesellschaft
zu Dengs Zeiten wieder an.
Die
Kontrolle des Staates über die Intellektuellen wurde gelockert, und viele genossen
in den 1980er Jahren eine gesonderte Stellung und relative Freiheiten in
ihrem wissenschaftlichen Arbeiten.
Bis 1989 fanden politische und kulturelle Debatten u.a. in Zeitungen, Zeitschriften
und wissenschaftlichen Foren statt. Informelle intellektuelle Netzwerke,
Arbeitsgruppen und inoffizielle think
tanks entstanden. Diese entwickelten sich zu Wegen, die Parteifunktionäre
und die Parteilinie zu beeinflussen.
Von offizieller Seite gab es für die Intellektuellen die Möglichkeit, in den think tanks Hu Yaobangs oder Zhao
Ziyangs mitzuwirken, in denen sie die Parteispitze in ideologischen bzw.
wirtschaftlichen Sachfragen berieten.
Themen, die nicht mehr nur innerhalb der intellektuellen Elite diskutiert
wurden, sondern auch nationale Aufmerksamkeit, besonders die der Studenten,
erlangten, waren u.a. Meinungsfreiheit, Mehrparteien-Wahlen und verschiedene
Forderungen nach politischen Reformen.
Zwar gab es auch in der Deng Ära Kampagnen gegen Intellektuelle, diese beschränkten
sich jedoch auf einige wenige Individuen und betrafen nicht die gesamte
intellektuelle Gemeinschaft.
Mitte der 1980er Jahre traten erste Veränderungen in dem Verhältnis
zwischen Intellektuellen und der Parteiführung ein. In Anbetracht der Tatsache,
daß politische Reformen ausblieben, distanzierten sich viele Intellektuelle
mehr und mehr von der Führung. Sie betätigten sich fortan in autonomen
Bereichen, in denen sie versuchten, ihr Anliegen der Trennung von Staat und
Gesellschaft umzusetzen.
Mit der Entlassung Hu Yaobangs als Generalsekretär der KPCh und der damit
verbundenen Auflösung seines intellektuellen Netzwerkes Anfang 1987,
verloren weitere Wissenschaftler ihre sicheren Positionen. Auch sie waren von
der Linie der Parteiführung enttäuscht, demokratische Reformen den
Wirtschaftsreformen unterzuordnen. „[...] this view asserted
that several decades of rapid economic reform had to take place and a large
middle class developed before democratic reforms could be successfully
introduced.” Die Intellektuellen vertraten
jedoch die Ansicht, daß Wirtschaftsreformen mit politischen Reformen verbunden
werden müssen, um durch Wirtschaftsreformen auftretende soziale Spannungen zu
lösen.
Mit der sich ausweitenden Demokratiebewegung und den Studentenprotesten im Jahr 1989
fand die Zusammenarbeit zwischen den Intellektuellen und der Parteiführung ein
vorläufiges Ende.
Im Anschluß an die Niederschlagung der Proteste war die Kommunikation zwischen
der Staatsführung und den Intellektuellen stark eingeschränkt. Der nachfolgende
intellektuelle Diskurs war weitestgehend unabhängig von der Politik und bewegte
sich mehr im gesellschaftlichen Bereich.
Eine Annäherung zwischen beiden Seiten erfolgte ab Mitte der 1990er Jahre.
Zu diesem Zeitpunkt war die Atmosphäre in China von Nationalismus geprägt. In
intellektuellen Kreisen ging man wieder schrittweise zu einer Unterstützung
der Regierung über, und begann, den politischen Reformkurs neu zu überdenken.
Gründe dafür waren u.a. der Zerfall der Sowjetunion sowie die Vorstellung
eines Zusammenbruchs des chinesischen Regimes und die Angst vor anschließenden
sozialen Unruhen.
C. Ausblick
Die
Veränderung im chinesischen Verständnis von Demokratie, die sich bei den
Intellektuellen in den letzten zwanzig Jahren vollzogen hat, bildet eine
wichtige Voraussetzung für gesellschaftliche und politische Transformation.
Unter
Demokratie wird zusehends die Kontrolle einer unabhängigen Gesellschaft über
einen Staat verstanden, dessen Machtausübung begrenzt ist. Außerdem stellt der
Dualismus zwischen Staat und Gesellschaft die Basis für eine Koordination
diverser sozialer Interessen durch den politischen Prozeß dar.
Diese
gedankliche Grundlage muß nun auch in der politischen Realität umgesetzt
werden. Hier ist allerdings die Frage, ob diese Umsetzung durch die
Intellektuellen alleine erfolgen kann. Der Blick auf die Entwicklung in der
Beziehung der Intellektuellen zum Staat und zur Gesellschaft nach 1989
läßt dies unwahrscheinlich erscheinen.
Zum Ende des 20. Jahrhunderts zeichnet sich eine größer werdende Autonomie
der intellektuellen Gemeinschaft vom Staat ab. Die Erfahrung der fehlgeschlagenen
Beeinflussung der Politik in der Mao und Deng Ära führte bei der intellektuellen
Elite zu der Erkenntnis, daß sie alleine keine politischen Veränderungen
bewirken kann. Es bildete sich in den 1990er Jahren eine unabhängigere
Kraft heraus, die sich neue Verbündete in anderen gesellschaftlichen Gruppen
sucht.
Durch
diese neuen Koalitionen ändert sich auch die Rolle der Intellektuellen in der
chinesischen Gesellschaft. Ihre Funktion als soziales Gewissen und ihre herausragende
Stellung als symbolische Führer des Landes weicht der neuen Struktur einer
pluralistischen Gesellschaft.
Es läßt sich für die Position der Intellektuellen zum Ende der Jiang Ära
feststellen, daß die unabhängiger werdenden Wissenschaftler vom Regime toleriert
werden, solange sie die Parteiherrschaft nicht direkt kritisieren. Das
Regime selbst hat an Radikalität verloren und „has neither the will nor the
capacity [to impose tighter controls on intellectual life].”
Die
Regierung sucht zwar wieder vermehrt Beratung bei unabhängigen think tanks, in denen wichtige
Sachfragen diskutiert und bewertet werden. Allerdings zieht es ein Großteil der
Intellektuellen vor, die Gesellschaft auf direktem Weg zu beeinflussen und
nicht indirekt durch politische Funktionäre.
Im Zusammenhang mit dem politischen Transformationsprozeß ist der Einfluß der
Intellektuellen von großer Bedeutung. Sie verbreiten ihre Ideen in der Bevölkerung
und sorgen dafür, daß sich in den verschiedenen gesellschaftlichen
Teilbereichen die Rahmenbedingungen entwickeln, die einer späteren Demokratisierung
Chinas förderlich sind.
VI. Schluß
Diese
Arbeit hat gezeigt, welche verschiedenen Möglichkeiten den Eliten zur Verfügung
stehen, um auf den politischen Transformationsprozeß in China Einfluß auszuüben.
Die
herrschende politische Elite ist demnach im Besitz der effektivsten Mittel,
diesen Prozeß zu bestimmen. Allerdings werden ihre Entscheidungen stets dem
Ziel des Machterhaltes der Partei unterzuordnen sein. Sollte die Elite dieses
Ziel gefährdet sehen, muß auch die Frage gestellt werden, inwiefern zum Gebrauch
des Repressionsapparates gegriffen wird.
Die
Wirtschaftselite hat ein großes Potential, eine politische Liberalisierung
positiv mitzugestalten. Solange ihre Interessen allerdings ausreichend
geschützt werden, ist von ihrer Seite kein nennenswerter Druck auf die
Staatsführung zu erwarten.
Die
Intellektuellen dürfen auch nicht unterschätzt werden, denn sie sorgen mit der
Verbreitung von Demokratieideen in der Gesellschaft für das Schaffen von
Rahmenbedingungen. Mit ihrer größer gewordenen Autonomie tragen sie zu einer
weiteren Ausdifferenzierung der Gesellschaft in verschiedene Teilbereiche bei.
Es kann festgehalten werden, daß sich in den letzten zwanzig Jahren die grundlegenden
Ziele der Eliten, sei es Machterhalt, Erhalt der wirtschaftlichen Freiheit oder
Demokratie, nicht verändert haben. Allerdings haben sich die Strategien zur
Erreichung dieser Ziele gewandelt.
Der politische Transformationsprozeß in China ist zwar nicht vergleichbar mit
der wirtschaftlichen Liberalisierung. Jedoch ergeben sich aus letzterer Konsequenzen
wie die schrittweise Trennung von Staat und Gesellschaft und andere sozioökonomische
Veränderungen. Diese tragen dazu bei, daß es für die Staatsführung immer
schwerer wird, die direkte Kontrolle über die Massen beizubehalten.
Zum Schluß soll noch ein Augenmerk auf die unbekannten Variablen eines
Transformationsprozesses in China gelenkt werden. Wie wirken sich
beispielsweise hohe Arbeitslosigkeit, die Zahl der Wanderarbeiter, Korruption,
Umweltprobleme oder die sich seit dem Eintritt Chinas in die
Welthandelsorganisation weiter verschlechternde Situation der Bauern aus? Diese
Rahmenbedingungen müssen in eine Untersuchung des Transformationsprozesses in
China ebenfalls mit einfließen.
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