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Sozialpolitik
in China
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1. Vorwort
Dieser
Arbeit liegen zwei wesentliche Fragen zugrunde. Zum Einem, welcher
Zusammenhang besteht zwischen der konfuzianischen Lehre und einem
chinesischen sozialpolitischen Verständnis? Zum Anderen, welche
anderen Ansätze können zur Erklärung der Sozialpolitik Chinas und
Hongkongs angewandt werden? Neben der Funktion von einleitenden
Fragen, sollen sie ebenfalls durch die gesamte Arbeit hinweg als
Leitmotiv gelten. Als den roten Faden, dem der Wissensanspruch gilt.
Zur Vermeidung von Missverständnissen soll erwähnt werden, dass wenn
im weiteren Verlauf der Arbeit von China gesprochen wird, damit die
Volksrepublik China gemeint ist.
Das
Bestreben liegt demnach darin, die sozialen Verhältnisse im heutigen
China zunächst unter kultursoziologischen Aspekten zu betrachten.
Die konfuzianische Ethik und ihr Einfluss auf das gesellschaftliche
Handeln der Menschen soll hierbei als ein kultureller
Erklärungsansatz dienen. Wenn von der aktuellen, sozialen Situation
in China die Rede ist, muss diese vor allem im Zusammenhang mit den
politischen Reformmassnahmen seit 1978 gesehen werden. Chinas
Reformära begann mit der endgültigen Abkehr von der maoistischen
Politik, hin zu einer wirtschaftsfördernden und liberaleren Politik.
Vorteile ergaben sich vor allen auf Seiten der Wirtschaft. Der
Aufbau und die Stärkung einer Privatwirtschaft, brachte ebenfalls
einen enormen sozialen Wandel mit sich.
Die
unter maoistischer Propaganda erzielte Vollbeschäftigung, war nun
nicht mehr länger von bedeutender Priorität. Durch die zunehmende
Eigenverantwortlichkeit der Betriebe, die neue Möglichkeit von
Entlassung und Einstellung, durch die privaten Firmen selbst, und
insbesondere die Zulassung von Migration, eröffneten sich ganz neue
Perspektiven für den privatwirtschaftlichen Sektor. Doch mit der
Veränderung der politischen Situation und ihrer Folgen für die
Ökonomie des Landes, sieht sich die erwerbstätige Bevölkerung Chinas
ebenfalls mit einer veränderten sozialen Situation konfrontiert.
Inwiefern sich die reformpolitischen Massnahmen auf die soziale
Lebenswelt der Menschen auswirkt, ist der nächste gedankliche
Schritt, den es zu beantworten gilt. Wobei der Arbeitsmarkt zum
Verständnis der sozialen Auswirkungen eine zentrale Rolle einnimmt.
Unter
den theoretischen Grundlagen, die aus der konfuzianischen Lehre
einerseits und der Reformpolitik Chinas und ihrer sozialen Folgen
andererseits besteht, werden nun zwei ausgewählte Sozialbereiche
näher analysiert. Das chinesische Gesundheitswesen und die
Altersfürsorge eignen sich insbesondere im Bezug zu den eingangs
gestellten Fragen. Die medizinische Versorgung der Bevölkerung soll
im weiteren Verlauf behandelt werden. Wobei es hier in Folge der
Reformen, und die damit verbundene Eigenverantwortlichkeit der
Betriebe, es zu einer sozialen Problematik kommt, deren Ausmass noch
geklärt werden muss.
Die
Altersfürsorge in China wird meist in Verbindung mit der
konfuzianischen Lehre der Alten- und Ahnenverehrung erklärt, welches
den Kindern als Pflicht vorgibt, für die Eltern im Alter zu sorgen.
Doch inwieweit diese traditionelle Art der Altenversorgung noch
Bestand hat, bleibt zu beantworten.
Die
konfuzianische Ethik und ihre Wirkung auf das gesellschaftliche
Handeln der Menschen, kann ebenfalls auf ein anderes Länderbeispiel
angewandt werden. Die Rede ist von Hong Kong, obwohl die ehemalige
britische Kolonie seit Juni 1997 offiziell wieder zu China gehört,
unterscheidet sich die Region Hongkong noch immer wesentlich in
ihrer wirtschaftlichen- und politischen Verfassung von China. Der
Grund liegt im Status Hongkongs als eine Sonderverwaltungsregion
Chinas. China räumt mit dem Status der Sonderverwaltungsregion
Hongkong die Rechte ein, ihre wirtschaftliche und politische
Freiheit im Zeitraum der nächsten fünfzig Jahre beizubehalten.
Die
Region Hongkong ist in ihrer Wirtschaftsverfassung von einer
liberalen Theorie des „laissez faire“ geprägt. Freie
Marktwirtschaft ist dadurch die erklärte und praktizierte Realität
Hongkongs. Der Ort Hongkong als Handels- und Wirtschaftsmetropole
wirkt sich ebenfalls enorm auf das sozialpolitische Verständnis aus.
Worin sieht die Regierung ihre Aufgaben im Sozialbereich? Im
Hinblick auf den Standpunkt einer „positive non- interventionnism“
gegenüber der Wirtschaft, ist daher die Frage nach der
Sozialpolitik Hongkongs in diesem Zusammenhang von Bedeutung. Denn
das Verhältnis von Wirtschaft und Sozialpolitik kann im Falle
Hongkongs nicht unabhängig voneinander betrachtet werden.
2.
Theoretische Grundlagen
2.1
Die
konfuzianische Ethik und ihre Handlungslehren
Keine
andere Kulturströmung prägte Asien über einen so langen Zeitraum
hinweg, wie der Konfuzianismus und seine Lehren über das „richtige“
Handeln der Menschen. Obwohl ihr geistiger Schöpfer Konfuzius im
chinesischen Reich des 5. Jahrhunderts vor Christus gelebt hat,
besitzt seine ethische Auffassung noch heute grossen Anklang und vor
allem Einfluss auf das Verhalten vieler Menschen.
Seiner Lehre zufolge, geht es im
Leben besonders darum, seinen Charakter in der Art zu bilden, wie es
für den Einzelnen tugendhaft ist. Durch die Befolgung der Tugenden,
kann der Mensch mit sich selbst und der Umwelt im Einklang leben.
Neben dem Nutzen für sich selbst, wird aber vor allem auch die
Ehrung der Eltern durch tugendhaftes Verhalten betont. Denn es ist
ebenfalls enorm wichtig, durch sein Handeln den Eltern ihren
verdienten Respekt zu zollen und nicht durch schlechte Taten, sowohl
sich selbst, als auch die Eltern in Verruf zu bringen.
Die Ehrfurcht vor den Eltern ist eine der höchsten Tugenden in der
konfuzianischen Ethik, sie drückt sich in dem Begriff der
„Pietät“ aus. Die Versorgung der Eltern ist eines der
bedeutendsten Pflichten im Leben eines Menschen.
Neben der „Pietät“ nimmt auch
die „Treue“ einen der höchsten Werte in der Lehre ein.
„Treue“ meint hier nicht die Treue zur Ehefrau-/mann sondern
vielmehr die Ergebenheit und Loyalität zu seinem Staat.
Wer mit Treue seinem Staat dient, macht damit gleichzeitig seinen
Eltern Ehre, denn einen nützlichen Beitrag für die Gemeinschaft zu
leisten, ist nach konfuzianischer Vorstellung zu honorieren. Sich
gegenüber den Eltern ehrfürchtig zu verhalten, dem Staat treu zu
dienen, sind wichtige Merkmale sittlichen Handelns. Die Sittlichkeit
umfasst alle der acht Tugenden in der konfuzianischen Ethik. Die
acht Tugenden bestehen aus: 1. Treue, 2. Pietät, 3&4 Sittlichkeit
und Liebe, 5&6 Vertrauen und Gerechtigkeit, 7&8 Harmonie und
Gleichheit.
Weshalb ist nun die Sittlichkeit in allen Tugenden enthalten? Sie
ist es, aus dem Grunde, weil die Sittlichkeit die Summe aller
Tugenden ist. Denn versorgt man bspw. seine Eltern im Alter oder ist
in seinen Handlungen den Prinzipien eigener Reden treu, sprich die
Taten entsprechen dem Gesagtem, so handelt man sittlich. Sittliches
Handeln in allen Lebensbereichen ist nun das erstrebenswerte Ziel.
Denn dadurch ist der Mensch für sich und für seine Mitmenschen von
grösstem Nutzen. Der Begriff des Nutzen, meint in diesem
Zusammenhang nicht die Idee, eigene Vorteile aus der Lage einer
Sache zu ziehen. Vielmehr bedeutet die Nützlichkeit, seinen Beitrag
zum Funktionieren der Gemeinschaft, in einer Gesellschaft zu
leisten.
Das Ziel der konfuzianischen Lehre
ist die Kultivierung des eigenen Charakters, um mit sich selbst im
Einklang zu sein, und dadurch Positives für die Ordnung, in einer
Gesellschaft beitragen zu können.
2.2
Chinas
Wirtschaftsreformen
1978 ist
in der politischen Geschichte Chinas ein bedeutendes Jahr gewesen.
Es war ein Wendepunkt in der politischen Landschaft Chinas, denn
sie brachte die Abkehr von Mao Ze-Dongs propagandistischer
Wirtschaftspolitik. Mit der dritten Plenartagung der kommunistischen
Partei Chinas im Dezember 1978, wurde die Reformperiode eingeleitet.
Das Ziel
der Reformpolitik war die Stärkung und Modernisierung der
chinesischen Wirtschaft. Der Weg dazu lag zum Einen, in der Öffnung
der Wirtschaft auch für ausländische Investitionen, zum Anderen in
der Einführung marktwirtschaftlicher Elemente, um den Grad der
bislang zentral verwalteten Wirtschaft zu verringern.
Das Ergebnis sollte die Entwicklung einer „sozialistischen
Marktwirtschaft“ sein. Zum Erreichen des Ziels war es notwendig
Politik und Betriebsführung möglichst unabhängig voneinander
arbeiten zu lassen.
Welche Massnahmen bzw. Reformen wurden nun eingesetzt, um das
Wirtschaftswachstum zu fördern
Die
Reformen begannen mit der Dekollektivierung der Landwirtschaft.
Ein Vertragssystem wurde für die bäuerlichen Haushalte erarbeitet.
Sie hatten dadurch die Möglichkeit Land zu pachten und einen Anteil
der Erträge auf freien Märkten abzusetzen.
Damit
wurden die Entscheidungsbefugnisse der Haushalte gestärkt. Sowohl
Chancen als auch Risiken brachte das neue System mit sich. Denn mit
der Zunahme an Eigenverantwortlichkeit für die einzelnen Haushalte,
wurden gleichzeitig die früheren Kollektive aufgelöst.
Mit den Folgen von Erfolg oder Missernte waren nun die Bauern selbst
betroffen, und nicht wie vor der Reform das Kollektiv. Denn zuvor
wirtschaftete das Kollektiv mit seinen Arbeitern für den Staat, die
gesamten Erträge gingen demzufolge an den Staat.
Ungelernte, Behinderte, ältere Menschen waren ebenfalls in den
Kollektiven integriert und wurden mit einem Existenzminimum
abgesichert.
Im Zuge der Dekollektivierung der
Landwirtschaft war nun die genannte Personengruppe ohne jegliche
soziale Sicherung. Neben dem Problem der Verschlechterung der
sozialen Situation für nicht voll belastbare Arbeitskräfte
zeigte sich eine weitere negative Erscheinung als Folge der
Eigenverantwortlichkeit der bäuerlichen Haushalte. Durch die
Aussicht auf möglichen Gewinn wurden Produktionsanreize geweckt, die
sich deutlich im Überschuss
der ländlichen Arbeitskräfte zeigte.
Angesichts der daraus resultierenden Unterbeschäftigung, beschloss
die Regierung 1984 die Zulassung von Migration unter bestimmten
Bedingungen. Das Ausmass und die Problematik dieser Entwicklung wird
im nächsten Kapitel eingehender bearbeitet.
Eine
weitere bedeutende Reform ist die Betriebs-/ Beschäftigungsreform.
Die grundlegende Entscheidung darüber fiel im Oktober 1984 auf der
dritten Plenartagung der kommunistischen Partei.
Mit der Betriebsreform soll den zuvor planwirtschaftlich
geleiteten Staatsbetrieben ebenfalls wie in der Landwirtschaft mehr
Eigenverantwortlichkeit und Handlungsspielraum überlassen werden.
Neben dem Recht über einen Anteil des erwirtschafteten Gewinns zu
verfügen, war nunmehr auch die Möglichkeit vorhanden neue
Beschäftigte einzustellen, und gegebenenfalls auch nach eigenem
Ermessen der einzelnen Betriebe zu entlassen.
Die Beschäftigungsreform bedeutete für die Arbeiter zum
Einem, dass die Anstellung auf Lebenszeit in den Staatsbetrieben
nicht mehr als gesichert galt, zum Anderen bot die Reform die
Möglichkeit an, sich als Arbeitnehmer selbstständig um eine Stelle
zu bewerben. Zuvor wurden die Arbeitskräfte durch staatliche
Arbeitsabteilungen den Betrieben zugewiesen.
Diese Entwicklungstendenz zu einer mehr privatwirtschaftlich
agierenden Firma, ist ein weiteres Faktum, eines zunehmenden
sozialen Risikos für die Erwerbstätigen.
Tabelle 1:
Changes
in the situation of urban employees by type of ownership, 1978-1998 (million persons)

Note:
Information not available. Sources:
`Statistical Yearbook 1999`
Um das
Wachstum privatwirtschaftlicher Unternehmen in den letzten Jahren
seit Reformbeginn zu verdeutlichen, wird hier durch Tabelle 1, über
die Gesamtanzahl der städtischen Arbeiter nach Art der Betriebe
sichtbar. Nach veröffentlichten Zahlen des Staatlichen
Statistikamtes von 1996 zufolge arbeiteten bereits im Jahre 1995
jeder zwölfte Erwerbstätige in der chinesischen Privatwirtschaft,
dies macht einen Prozentsatz von 8% oder 55,7 Millionen Menschen
aus.
Tabelle 1
zeigt ebenfalls deutlich, die enorme Zunahme der nicht- staatlichen
Betriebe seit 1985. Im Vergleich dazu stagniert die Anzahl der
staatlich organisierten Betriebe. Die Statistik unterscheidet noch
in staatliche und kollektive Betriebe. Wobei der Hauptunterschied
darin liegt, dass die kollektiv geführten Betriebe eine
administrative Stufe unter den Staatsbetrieben stehen.
Tabelle 2:

Quelle: Zhang,
Houyi 1997: Private Entrepreneurs in 1996. In: Sozial-Blaubuch,
Analysen und Aussichten der chinesischen sozialen Lage für 1996-
1997. Hrsg. Jiang Liu, Lo Xue Yi und Dan Tien Lun, Chinesische
Sozialwissenschaften, Beijing.
Tabelle 3:

Quelle: Zhang, Houyi
1998: Private Entrepreneurs in 1996. In: Sozial-Blaubuch, Analysen
und Aussichten der chinesischen sozialen Lage für 1998. Hrsg.Ru Xin,
Lo Xue Yi und Dan Tien Lun, Chinesische Sozialwissenschaften,
Beijing.
Im chinesischen Privatsektor werden die
Unternehmen noch in Individualunternehmen und Privatunternehmen
unterschieden. Individualunternehmen weisen eine Beschäftigtenzahl
mit maximal 7 Personen auf. Privatunternehmen sind demnach Betriebe
mit mehr als 7 Beschäftigten.[23]
Hierzu ebenfalls einige Zahlen zur Veranschaulichung der wachsenden
Bedeutung des Privatsektors in der chinesischen Wirtschaft.
Die
wirtschaftliche Bedeutung des Privatsektors, ist in den Jahren nach
dem Beginn der Wirtschaftsreformen enorm gewachsen. Bereits 1995
trug nach Berechnung der Weltbank die chinesische Privatwirtschaft
mit 57% zum Bruttoinlandsprodukt bei.
In Anbetracht der Reformen und ihrem vehementen Einfluss auf das
gesellschaftliche und soziale Leben Chinas, bleibt die Frage nicht
aus, mit welchen Folgen die Beschäftigten damit konfrontiert werden.
2.3 Soziale
Auswirkungen der chinesischen Reformpolitik
Wenn man
sich nochmals den bereits angesprochenen Aspekt der erhöhten
Produktionsanreize der bäuerlichen Haushalte vor Augen führt, die
mit der Dekollektivierung der Landwirtschaft zusammenhängt, ist
dies zunächst aus Sicht der ökonomischen Folgen positiv zu
betrachten. Die Haushalte produzieren nun auch für den Eigenbedarf,
und können demnach einen Anteil der Ernte auf freien Märkten
verkaufen. Doch durch den gestiegenen Produktionsanreiz entwickelt
sich zunehmend ein Überschuss an Arbeitern heraus, die in städtische
Gebiete drängen.
Der Grossteil von ihnen ist im Bauwesen tätig, Untersuchungen
zufolge machen sie fast die Hälfte aller städtischen Wanderarbeiter
aus. Ein Drittel ist in der Industrie und fast ein Fünftel im Handel
beschäftigt.
Auch wenn es Meinungen gibt, die anführen, dass durch die
Wanderarbeiter der Austausch moderner städtischer Kultur in die
Dörfer getragen werden, oder der Druck städtischer Arbeitsmärkte
entlastet wird. Letztlich ist aber die Entwicklung der
Wanderarbeiter in den Städten äusserst problematisch zu sehen.
Durch die Zulassung von Migration seit Mitte der achtziger Jahre,
bot sich den Menschen die Möglichkeit der geographischen Mobilität
an. Das eigentliche Motiv der Partei war es, die Landwirtschaft mit
ihrem Überschuss an Arbeitern zu entlasten. Die Wanderbewegungen
erstreckten sich zum grössten Teil von den westlichen Provinzen in
die östlich gelegenen Küstengebiete. Die vor allem durch die
Wirtschaftssonderzonen und ihren enormen Wachstumsraten attraktiv
wirkten. Eine besonders hohe wirtschaftliche Wachstumsrate wurde im
Jahr 1992 erreicht, sie betrug 14,2 %. Und auch im Jahr 2000
verzeichnet die Wachstumsrate einen Schnitt von 8 %.
Betrachtet man nun die Arbeitsbedingungen der Wanderarbeiter, so
sind diese im Vergleich zu den ansässigen Städtern enorm
benachteiligt. Dies drückt sich ganz stark in unterschiedlichen
Lohnhöhen aus. So erhalten bspw. Wanderarbeiter in Beijing einen 27
% niedrigeren Lohn als die lokalen Arbeiter. In der
Wirtschaftssonderzone Zhuhai beträgt dieser Unterschied sogar 51 %.
Neben den ungleichen Gehältern, müssen die Migranten ebenfalls mit
einem hohen Arbeitsaufwand rechnen, denn die wöchentlichen
Arbeitsstunden betragen zum Beispiel in Beijing 61 Stunden.
Obwohl die Wanderarbeiter länger
arbeiten, geringeren Lohn erhalten, schlechte Wohnbedingungen haben
und ebenfalls keine soziale Sicherung aufweisen können, sehen sie
selbst ihre Lebensbedingungen nicht als besonders negativ an. Laut
einer Befragung durchgeführt in Beijing, Zhuhai und Wuxi Ende 1998.
Der Grund hierin, liegt vermutlich in der Art der Vergleiche, die
von den Migranten gezogen werden. So vergleichen sie sich nicht mit
den Städtern, sondern vielmehr mit den Lebensbedingungen an ihren
Heimatorten.
In
Anbetracht der Tendenz der Wanderarbeiter, in den Städten dauerhaft
ansässig zu werden, wird die Frage nach einem sozialen
Absicherungssystem zunehmend akuter. Denn der Anteil der
Zugewanderten ist in manchen Städten enorm, sie beträgt zum Beispiel
in Zhuhai 50 % der gesamten Bevölkerung.
Solche Zahlen zeigen nicht nur die Massen der Wanderbewegung,
sondern deuten auch auf die allgemeine, aktuelle Entwicklung hin zu
„Migrantenstädte“. Neben Zhuhai,
wäre ebenfalls die Sonderwirtschaftszone Shenzhen zu nennen, die
durch ihre unmittelbare Nähe zur Wirtschaftsmetropole Hong Kong
profitiert. Und auch in Shenzhen leben enorm viele Zuwanderer. Auch
die Stadt Suzhou nahe Shanghai wäre ein weiteres Beispiel für die
Theorie das Städte, die in nächster Nähe von grossen Handels- und
Wirtschaftszentren, sich ebenfalls zunehmend stark wirtschaftlich
entwickeln.
Durch
die Abwanderung meist junger Menschen zwischen 20- 30 Jahren, aus
den ländlichen Provinzen in die städtischen Küstengebiete, wird ein
weiteres gesellschaftliches Phänomen deutlich. Ein starkes
wirtschaftliches Ost- West Gefälle belastet noch verstärkend die
bereits armen östlichen Provinzen Chinas. So beträgt zum Beispiel
der Einkommensunterschied zwischen der reichsten und der ärmsten
Stadt im Jahr 1998: 480 %, oder in Bezug auf die Bauern, so liegen
die Bauern aus den reichsten Provinzen mit 440 % über den Lohn der
ärmsten Bauern.
Nun müssen diese extremen Zahlen aber auch in der Relation gesehen
werden, dass die Lebenshaltungskosten in den Gebieten mit sehr
geringen Einnahmen auch ebenfalls recht niedrig sind. Doch bleibt
die Tatsache bestehen, dass eine regionale Ungleichheit in hohen
Massen besteht und das der privatwirtschaftliche Arbeitsmarkt
soziale Absicherungssysteme benötigt, um die Beschäftigten vor allem
vor Ausbeutung, Krankheit und Entlassung zu schützen.
3.
China
3.1
Gesundheitswesen
Das
chinesische Gesundheitssystem unterscheidet sich stark in der Anzahl
und Qualität der medizinischen Einrichtungen. So ist der Unterschied
zwischen Stadt und Land besonders gross. Die medizinische Versorgung
in den ländlichen Provinzen ist gekennzeichnet von mangelnden
Personal und schlechter Ausstattung.
Organisiert wird das ländliche Gesundheitswesen in drei Ebenen, und
zwar auf der Dorf- Gemeinde- und Kreisebene. Staatliche Finanzierung
findet nur auf der Kreisebene statt. Die medizinischen
Einrichtungen auf Gemeinde- und Kreisebene werden kollektiv oder
privat verwaltet.
Die Basis der ländlichen Gesundheitsversorgung bilden die
Medizinischen Stationen. Sie sichern eine medizinische
Grundversorgung in Prophylaxe (Impfungen, Hygiene) und Aufklärung
ab. Die Untersuchung in den Praxen ist zwar kostenfrei, doch muss
für die Medikamentenkosten der Patient selber aufkommen.
Die
Tatsache, dass der Patient die Kosten der Behandlung selbst trägt,
ist nicht nur ein Merkmal des ländlichen Gesundheitssystems, auch im
städtischen Bereich ist dies üblich. Besonders hart sind meistens
die Beschäftigten von Privatunternehmen und Individualunternehmen
betroffen, ebenso gehören die Wanderarbeiter zu der Kategorie
medizinisch nicht abgesicherter Menschen.
Im Falle einer schweren, langwierigen Krankheit bedeutet dies für
den Beschäftigten eines Privatunternehmens eine enorme soziale
Härte. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass die Firma nicht
für die Kosten einer längeren Behandlung aufkommt, es aber
ebensowenig eine betriebliche Krankenversicherung gibt, welches die
Behandlungskosten übernehmen würde. Das Problem bezieht sich
insbesondere auf langwierige Krankheiten mit einer Dauer länger als
3 Monaten. Erkrankt ein Mitarbeiter, so sieht das
Arbeitsvertragssystem vom 12.07.1986 vor, dass die Firma für die
Behandlungskosten innerhalb von 3 Monaten aufkommt. Über den
Zeitraum hinaus droht dem Beschäftigten nicht nur die Aussetzung der
Behandlungskosten, ebenso auch eine Kündigung.
Im Gegensatz dazu gibt es für die Mitarbeiter staatlicher Firmen,
nicht nur betriebseigene Krankenstationen, sondern die medizinische
Versorgung ist für die Beschäftigten in öffentlichen Einrichtungen,
und Staatsbedienstete der Verwaltung, im Rahmen eines
Krankenversicherungssystems kostenfrei. Diese Personengruppe umfasst
laut der Statistik für 1989: 26,5 Millionen Menschen. Die
Mitarbeiter in staatlichen Produktionsbetriebe und kollektiveigenen
Betriebe erhalten innerhalb der Arbeitsversicherung medizinische
Versorgung.
Die zuvor erwähnten betriebseigenen medizinischen Stationen in
grossen Unternehmen, sind ebenfalls auch nur für Mitarbeiter
bestimmt. Wobei aber die öffentlichen medizinischen Einrichtungen
oftmals überlastet sind, so bleiben die meisten Betten der
betriebseigenen Krankenhäuser leer.
Die ungleiche Auslastung ist nicht das einzige Merkmal zwischen
öffentlichen medizinischen Einrichtungen und solchen in grossen
Betrieben. Vor allem ist auch in der Qualität der Versorgung ein
deutlicher Unterschied vorhanden.
Trotz qualitativer Unterschiede, sind die Kosten einer Behandlung in
öffentlichen Krankenhäusern enorm. Zum Beispiel kostet ein
Krankentransport, einige Tabletten und drei Flaschen Infusion
zusammengerechnet ca. 300Yuan.
Die hohen Beträge werden unter anderem durch die teuren Medikamente
verursacht. Ein weiterer wichtiger Grund, ist die finanzielle
Eigenverantwortlichkeit vieler öffentlicher medizinischer
Einrichtungen. Im Zuge der Wirtschaftsreformen wurde ein System
eingeführt, welches die Entscheidungskompetenzen und die
Selbstfinanzierung der Krankenhäuser steigern sollte. Denn der Staat
leistet demzufolge, nur noch einen geringen Teil an finanzieller
Unterstützung. Der Anteil beläuft sich auf ca. 10-20 % der
Einnahmen, den Rest müssen die Einrichtungen selbst erwirtschaften.
Bedenkt
man nun die Tatsache, dass der chinesische Arbeitsmarkt zunehmend
mehr Beschäftigte in privatwirtschaftlichen Unternehmen einstellt,
so wird die Forderung nach einem allgemeinen
Krankenversicherungssystem immer bedeutender. Denn momentan ist das
Gesundheitssystem noch stark beschäftigungsbezogen und mit enorm
hohen Kosten für die Patienten verbunden.
3.2
Altersfürsorge
Die
konfuzianische Ethik und einer ihrer zentralen und wichtigsten
Lehren, ist der Respekt und die Ehrfurcht vor den Eltern. Im Begriff
der „Pietät“ findet sie ihren besonderen Ausdruck. Zwar sind
durch die Wirtschaftsreformen, der zunehmend industrialisierten
Umwelt und der soziale Wandel, Einflüsse vorhanden, die sich vor
allem auch auf die familiären Beziehungen negativ auswirken können.
Doch auffallend oft, werden insbesondere in konfuzianisch geprägten
Ländern ältere Menschen von ihren Kindern versorgt. Am Beispiel
Chinas ist ebenfalls solch ein Muster erkennbar.
Als
einen „Generationenvertrag“ kann diese Form der
Alterssicherung verstanden werden. Die Anforderungen auf beiden
Seiten sind relativ hoch. Die Eltern sind in ihrer Pflicht
verantwortlich für die Finanzierung der Bildung, Hochzeit oder
geschäftlichen Unternehmungen ihrer Kinder. Die Kinder wiederum
haben ihrer Pflicht, in der Fürsorge der Eltern im Alter und den
Anspruch eines guten Ansehens nachzukommen.
Diese Fürsorgepflicht im Alter hat die Merkmale einer Norm. Denn
eine Nicht- Erfüllung dieser grundlegenden Pflicht bedeutet
Sanktion. Die Sanktion drückt sich insbesondere durch ein schlechtes
Ansehen im Bekanntenkreis aus, sie kommt einem „Gesichtsverlust“
gleich, welches zu wahren eines der Hauptmotive in der sozialen
Interaktion asiatischer Kultur ist. Ebenso bedeutet eine
Verletzung seiner Fürsorgepflicht nicht nur eine Respektlosigkeit
und Verneinung, den Eltern gegenüber, sondern vielmehr auch ein
Leugnen eines der elementarsten Überzeugungen konfuzianischer Ethik.
Alterssicherung durch die Kinder ist eine Norm familiärer
Beziehungen, die auch Gegenstand einiger Untersuchungen in China
geworden sind.
Zum
Beispiel leben nach statistischen Angaben ¾ der älteren Menschen in
Beijing und Shanghai mit ihren Kindern zusammen.
Eine weitere Untersuchung in Shanghai befragte diejenigen, die nicht
mit ihren Eltern zusammen lebten, wie oft sie ihre Eltern besuchen
würden. Die Untersuchung ergab, dass 46% der 500 Befragten angaben,
der Besuch sei 2 bis 3 Tage her. 22% antworteten, es sei 1 Woche
her. Und 14% besuchten ihre Eltern vor ca. 2 Wochen.
Die Familie als soziales Sicherungssystem hat im konfuzianisch
geprägten Kulturraum einen hohen Stellenwert. So ist das Beispiel
der Altersfürsorge besonders in diesem Zusammenhang zu sehen. In
Bezug auf die vorangestellte Leitfrage, inwiefern die konfuzianische
Lehre auf ein sozialpolitisches Verständnis wirkt, so ist im
Hinblick auf die Alterssicherung in China die Antwort, dass vor
allem hier die konfuzianische Ethik als Grundverständnis auf das
Handeln der Menschen Einfluss hat.
4.
Hongkong
4.1
Hongkongs Wirtschaft
Die
Wirtschaft funktioniert am besten, wenn sie sich selbst reguliert,
Angebot und Nachfrage sollen den Markt bestimmen. In einer solchen
Marktwirtschaft, sollte der Staat sowenig wie möglich in die
selbstregulierenden Marktmechanismen eingreifen. Adam Smith, einer
der Gründerväter einer liberalistischen Wirtschaftstheorie, vertrat
diese Ansicht einer „laissez faire“ Politik der Regierung
gegenüber der Wirtschaft. Hongkongs freie Marktwirtschaft gründet
ebenfalls auf einer liberalen Wirtschaftsauffassung, in dem der
Staat nur günstige Rahmenbedingungen für die marktwirtschaftlichen
Vorgänge schaffen soll.
Hongkong war infolge der „Ungleichen Verträge“ vom 29. August
1842 in Nanking, offiziell für den Aussenhandel offen. So
proklamierten die Briten bereits 1841 den Hongkonger Hafen zum
Freihafen.
In der eigentlichen Absicht möglichst ertragreich Opium aus dem
britischen Indien nach China exportieren zu können. Somit
entwickelte sich Hongkong von Anfang an, durch den Freihafen zu
einer „laissez faire“ Wirtschaft.
Um
ausländisches Kapital anzulocken, sah die Regierung ihre Aufgaben
vor allem in einer „positive non-interventionism“ Politik an.
Restriktionen über Steuer- und Gesellschaftsrecht sind kaum
vorhanden. Daher ist die kostengünstige Gründung von Firmen relativ
einfach.
Und auch ausländische Firmen führen die wirtschaftlichen
Hauptanziehungspunkte vor 1997, unter anderem auf die
Regierungspolitik zu Gunsten des freien Handels und Unternehmertums
zurück. Ebenso spielen gute internationale
Kommunikationsmöglichkeiten, niedrige Einkommens- und
Körperschaftssteuer, freier Geldmarkt und ein gut verwalteter
Freihafen, eine wesentliche Rolle für ausländische Firmen die
wirtschaftliche Attraktivität Hongkongs zu nutzen.
Die Wirtschaftspolitik Hongkongs lässt sich an folgenden
wesentlichen Grundsätzen festmachen. Zum einen, niedrige Steuern und
Haushaltsüberschuss, freier Handel und freier Geld- und
Kapitalfluss, ebenso ein zu 100% gestütztes monetäres System.
Besondere Merkmale dieser Grundsätze, die auch für die Sozialpolitik
von bedeutender Relevanz ist, sind die niedrigen Einkommenssteuern,
und vor allem die Tatsache, dass es keinen gesetzlich
vorgeschriebenen Mindestlohn gibt, noch eine Begrenzung der
Wochenarbeitszeit für Männer.
Hongkongs liberale Wirtschaftsverfassung ermöglichte nicht nur einen
grossen wirtschaftlichen Erfolg, vielmehr brachte sie der Region den
Aufstieg zu einen der grössten Industrie- und Handelsstädte Asiens
ein.
Doch wie entwickelt sich unter
solchen Wirtschaftsbedingungen die Sozialpolitik? Und mit welchem
sozialen Alltag sieht sich die Bevölkerung konfrontiert? Zum
Verhältnis von Wirtschafts- und Sozialpolitik in Hongkong, bzw. der
Situation sozialer Sicherheit in Hongkong, wird im folgendem Kapitel
besprochen.
4.2
Hongkongs Sozialpolitik
Das
Prinzip einer „positive non-interventionism“ Politik der
Regierung, zur Förderung eines marktfreundlichen Standortes, wird
ebenfalls in der Sozialpolitik verfolgt. Die Schaffung gleicher
Wettbewerbsbedingungen ist das Hauptziel der Regierung. So
formuliert ein ehemaliger singapurianischer Minister diese
Auffassung einer Formel des
„minimum
intervention, maximum support“
wie
folgt:
„We want to teach the people that
the government is not a rich uncle. You get what you pay for (...)
We want to reduce welfare to the minimum, restrict it (...) to those
who are handicapped or old. To the others , we offer equal
opportunities“
Die
Realität vieler Beschäftigter in Hongkong sieht in Folge dieses
Prinzips äusserst negativ aus. So ist es sinnvoll, sich zunächst die
verschiedenen Einkommensgruppen anzusehen, um im nächsten Schritt
genauer zu betrachten, welche Gruppen besonders benachteiligt sind.
Tabelle 4: Median
Monthly Income of Different Occupational Groups in
Hong Kong (1993-1999)

Source:
Hong Kong Social Security Society (2000a). Poverty Watch. No.
10.
Betrachtet man die Tabelle, so fällt besonders für die
Einkommensgruppe der unausgebildeten Arbeiter auf, dass sie mit
zunehmend niedrigeren Löhnen konfrontiert sind. So ist die Ursache
nach marktwirtschaftlichen Prinzipien betrachtet, die Entwertung
dieser Arbeit, durch ein Überangebot zu erklären. Und tatsächlich
sind unter den nicht- ausgebildeten Arbeitern ein Grossteil von
ihnen aus China. Die Gruppe der Neuankünfte aus China ist besonders
mit finanziellen Problemen belastet. So ist laut einer Untersuchung
des „Home Affairs Department“ aus dem Jahr 2000 das
monatliche Haushaltseinkommen dieser Gruppe weit unter dem
allgemeinen Durchschnitt.
Tabelle
5: Working Poor in Hong Kong (1993-2000)

Source: Census and Statistics Department (from 1993 to 2000).
Quartely Report on General Household
Survey (July to September from 1993 to 2000).
Die
Statistik errechnete eine Zahl für das dritte Quartal 2000, mit
einem Haushaltseinkommen von 6,600HK$. Das durchschnittliche
Familieneinkommen liegt bei 17,600HK$.
Weshalb
ist die Gruppe der Neuankünfte aus China besonders mit sozialen
Schwierigkeiten konfrontiert? Das Problem begründet sich vor allem
darin, das der wesentliche Teil von ihnen in minder bezahlten
Arbeiten tätig ist. Laut Daten vom „Census and Statistics
Department Hong Kong“ sind 33.9% als Hilfsarbeiter tätig, ein
weiteres Drittel ist als Servicekraft, oder Verkaufskraft im
Einzelhandel beschäftigt. Diese Verdienstgruppe macht einen Anteil
von 30.7% aus. Nur 9% von ihnen sind Manager, oder haben eine
leitende Funktion inne, im Verhältnis dazu haben 29.8% aller
Beschäftigten in Hongkong solch eine Position.
So ist die Gruppe der Einwanderer aus China in einkommensschwachen
Jobs überrepräsentiert. Doch scheint Armut nicht nur ein Problem der
chinesischen Neuankünfte zu sein. Denn die Zahlen der Beschäftigten
unter dem 50- Prozentigem durchschnittlichen Einkommensniveau von
10000HK$, also Arbeiter die weniger als die Hälfte der
Durchschnittseinkommen verdienen, nimmt in den letzten Jahren
deutlich zu.
Obwohl
die Regierung ihren Aufgabenbereich in der sozialen Sicherung der
Bevölkerung sehr eingrenzt, so ist in der neueren Entwicklung ein
Wandel zu einer aktiveren Rolle zu erkennen. Hongkongs soziales
Engagement der Regierung, beschränkte sich seit langem auf
finanzielle Hilfen für sozial besonders schwache
Bevölkerungsmitglieder. So gibt es zum Einen die „Comprehensive
Social Security Assistance Scheme“ (CSSA) zum Anderen die„Social
Security Allowance Scheme“ (SSA). Die SSA bietet
vorrangig älteren Menschen über 65 Jahren, die seit länger als 5
Jahren in Hongkong leben, und der Gruppe der behinderten Menschen
finanzielle Unterstützung an. Sie ist lediglich eine Zuzahlung für
besonders einkommensschwache Bevölkerungsmitglieder.
Und auch die CSSA hat den Grossteil ihrer Fälle unter den
älteren Menschen über 60. Diese beiden Programme staatlich, sozialer
Hilfen, haben nicht den Anspruch eines Sozialversicherungssytems,
sondern sind vielmehr lediglich finanzielle Hilfen, für die sozial
Bedürftigsten.
In
Anbetracht der Entwicklungen der letzten Jahre und der Zunahme der
Anforderungen an ein soziales Sicherungsnetz, insbesondere für das
Alter, veranlasste dies die Regierung Hongkongs, zum ersten Mal in
ihrer Sozialgeschichte den Aufbau einer allgemeinen staatlichen
Altersversorgung zu bewilligen. Im Dezember 2000 wurde die
„Mandatory Provident Fund“ (MPF) gegründet.
Sie ist obligatorisch für alle Beschäftigten zwischen 18- 65 Jahren.
Der Einzahlungssatz beläuft sich auf 10% vom monatlichen Einkommen,
wobei Arbeitnehmer und Arbeitgeber davon jeweils 5% zahlen müssen.
Interessant hierbei ist, das die Verwaltung des Geldes nicht in
staatlichen Händen ist, sondern die Entscheidung über welchen
privaten Vermögensverwalter der Beschäftigte sein monatlich
eingezahltes Geld anlegt, obliegt ihm selbst. Der Vermögensverwalter
muss nur über die „Mandatory Provident Fund Schemes Authority“ (MPFA)
registriert sein, um als Kandidat in Frage zu kommen.
Die MPF kann als staatlich auferlegtes Zwangssparen
verstanden werden, in dem aber die Finanzen von privaten Anbietern
verwaltet werden. So bleibt das eingezahlte Geld im
marktwirtschaftlichen Kreislauf vorhanden. Und auch hier nimmt der
Staat nur eine begrenzte Funktion ein. Letztlich verbleibt das
Kapital im privaten Finanzverkehr, und der Staat hat nur eine
beobachtende, statt einer teilnehmenden Rolle inne.
Neben
der CSSA, der SSA und der MPF, wäre noch die
Gruppe der NGO`s (non- governmental organisations) auf dem
privaten Sektor der sozialen Sicherung zu nennen. Die NGO´s
sind privat, verwaltete Wohlfahrtsorganisationen, die sich zum
grössten Teil über Spenden finanzieren.
Sie unterstützen insbesondere junge Menschen und die älteren
Bevölkerungsmitglieder. Die NGO`s arbeiten seit dem Beschluss
mit der Regierung im „White Paper on Social Welfare“ (HKGOV,
1973) im Jahr 1973 eng mit ihr zusammen. So setzt sich auch ein
wesentlicher Teil der finanziellen Mitteln aus staatlichen Geldern
zusammen.
NGO`s leisten einen der wichtigsten Anteile an der sozialen
Hilfe von Bedürftigen.
Die
zunehmende Bedeutung der NGO`s, oder der „Mandatory
Provident Fund“ sind wesentliche Merkmale einer Entwicklung hin
zu einer Gesellschaft, in der die Wohlfahrt nicht nur von dem
Arbeitswillen jedes Einzelnen abhängig ist. Sondern vielleicht
vielmehr der Schritt gewagt werden sollte, zu einer Gesellschaft
hin, in der soziales Engagement und die Freiheiten der liberalen
Marktwirtschaft sich einander nicht ausschliessen.
5. Schlussbemerkung
Die
Wirtschaftsreformen Chinas waren ein Initiator des wirtschaftlichen
Erfolges in den darauf folgenden Jahren. Sie brachte für viele
Menschen höhere Einkommen und einen anspruchsvolleren
Lebensstandard. Der Modernisierungsprozess war von einer enormen
Rasanz gekennzeichnet, der nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht,
Neuerungen brachte. Ebenso nahm sie grossen Einfluss auf
gesellschaftliche Phänomene, so ist ein sozialer Wandel insbesondere
in Hinsicht auf die Familienstruktur und dem gesellschaftlichen
Aufbau, kennzeichnend für die Entwicklung Chinas in den letzten
Jahren. So entsteht zunehmend ein neuer Mittelstand, mit gehobenen
Lebensstandards. Und die Familien erfahren, durch die Möglichkeiten
der Mobilität, ebenfalls ein räumliches Auseinander, das in diesem
Ausmass selten zuvor vorhanden war.
Doch
trotz aller gesellschaftlich, wirtschaftlichen Veränderungen,
scheinen die traditionell, kulturellen Werte in der konfuzianischen
Lehre bei weitem nicht einem solchen rasanten Wandel unterzogen zu
sein. Vielmehr ist ihre Bedeutung noch immer wesentlich für das „cultural
china“, wie die chinesisch geprägte Welt auch bezeichnet wird.
Denn der Konfuzianismus ist durch seine Ethik geradezu förderlich
für den wirtschaftlichen Erfolg gewesen. Nicht nur die hohe
Wertschätzung von Bildung ist hierfür ausschlaggebend, sondern viel
wesentlicher ist die allgemein gültige Vorstellung, vom selbst
geschaffenen Wohlstand, durch Fleiss und enorme Disziplin
Aufwendung. Im konfuzianisch geprägten Kulturraum ist die
Selbsthilfe, und nicht auf die Unterstützung durch Fremde angewiesen
zu sein, eine der wesentlichen Merkmale der Mentalität. Sie stellt
vielmehr eine Tugend da, nicht auf fremde Hilfe angewiesen zu sein,
sondern die Arbeit selbst in die Hand zu nehmen, und seinen Beitrag
zum Funktionieren der Gesellschaft zu leisten.
Ähnlich
verhält es sich in der Vorstellung, in Bezug auf die Wohlfahrt eines
Staates. Denn nicht nur die „Selbsthilfementalität“ ist hier
zu nennen, auch der Gedanke der Prävention ist wesentlich, in einer
sozialpolitischen Auffassung zu erwähnen. Was ist mit Prävention im
Zusammenhang mit dem konfuzianisch geprägten Kulturraum gemeint? Sie
ist in fast allen Lebensbereichen enthalten, die Abwendung von
bspw. Arbeitslosigkeit, durch einen hohen Bildungsaufwand, oder die
Vorbeugung von Krankheiten, statt Versorgung in einer akuten
Situation, der hohe insbesondere finanzielle Aufwand in der
Versorgung und Bildung der Kinder, um dem Wohlstand derer und der
Eltern im Alter willen. Daher liegt der Anspruch der sozialen
Sicherung zum grössten Teil an einem selbst, oder innerhalb der
Familie, und weniger an den Staat als Träger sozialer Wohlfahrt.
Doch die
Entwicklung der Wohlfahrt in einem Staat, kann nicht nur im
Zusammenhang kultureller Werte erklärt werden, sondern hier sollten
ebenso auch politisch- ökonomische Bedingungen als Argumente
herangezogen werden.
So sollten die zwei theoretischen Lager in der politischen
Soziologie, auf der einen Seite die „Strukturalisten“ , die
den Wohlfahrtsstaat aus einer politisch- ökonomischen Sicht
verstehen, und die „Kulturalisten“ die gemeinsame kulturelle,
sozialisierte Werte und Traditionen verantwortlich für die
sozialpolitische Entwicklung in einem Staat machen,
sich vielmehr auf einer intertheoretischen Basis verständigen. Denn
die Sozialpolitik eines Landes, kann nicht nur aus einer
kultursoziologischen Perspektive, oder nur aus einer politisch-
ökonomischen Sicht betrachtet werden. So hat das Beispiel der
Regionen China und Hongkongs gezeigt, das beide Erklärungsansätze
nötig sind, um Sozialpolitik zu verstehen.
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eigene Anmerkung, gültig für Tabelle 2 und 3. Devisenkurs
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geographischer Hinweis: Zhuhai liegt in nächster Nähe zur
portugiesischen Kolonie Macao an der Südküste Chinas.
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Lin, Ka: Confucian Welfare Cluster. A
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Tampere 1999. Hier: S. 139
Jesch, Thomas: Die Wirtschaftsverfassung der
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Hier: S. 59, 60
Jesch, Thomas: Die Wirtschaftsverfassung der
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Hier: S. 60, 61
ebd.: S. 61, laut einer Umfrage zit. nach: Dietrich, Hans
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in: EA, 42. Jg. (1987), S. 463 ff.
Jesch, Thomas: Die Wirtschaftsverfassung der
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Hier: S. 68
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Stykow, Petra (Hrsg.): Die ungewisse Aussichtslosigkeit
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eigene Anmerkung: aktueller Devisenkurs: Januar 2004, 1€
»
9,8HK$
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In:Kcon-wah, Tsoi: Poverty Eradication and Social Security
in Hong Kong. In: Shek, T.L. Daniel,
Chow, Lam Mong, Fai, Au Chor, Lee, J.J. (edt.): Advances In
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Kcon-wah, Tsoi: Poverty Eradication and Social Security in
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Lam Mong, Fai, Au Chor, Lee, J.J. (edt.): Advances In Social
Welfare In Hong Kong. Hong Kong 2002. Hier: S. 114, 115
ebd.: S. 119, siehe Tabelle 5.
Aspalter, Christian: Worlds of Welfare
Capitalism: Examing Eight Different Models. In: RCSSP
Research Paper Series No. 6. Hong Kong 2002. Hier: S. 13
Kcon-wah, Tsoi: Poverty Eradication and Social Security in
Hong Kong. In: Shek, T.L. Daniel, Chow,
Lam Mong, Fai, Au Chor, Lee, J.J. (edt.): Advances In Social
Welfare In Hong Kong. Hong Kong 2002. Hier: S. 127
Aspalter, Christian: Worlds of Welfare
Capitalism: Examing Eight Different Models. In: RCSSP
Research Paper Series No. 6. Hong Kong 2002. Hier: S. 14
Schmidt, Volker H.: Erfolgsbedingungen des konfuzianischen
Wohlfahrtskapitalismus. Kultursoziologische und
modernisierungstheoretische Überlegungen. In: Beyer, Jürgen,
Stykow, Petra (Hrsg.): Die ungewisse Aussichtslosigkeit
rationaler Politik. (Festschrift zu Ehren Helmut
Wiesenthals) Sammelband, Westdeutscher Verlag. Hier: S. 11
Opielka, Michael: Religiöse Werte im Wohlfahrtsstaat.
Erscheint in: Allmendinger, Jutta (Hrsg.): Entstaatlichung
und soziale Sicherheit. Verhandlungen des 31. Kongresses der
Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Leipzig 2002.
Opladen 2003. Hier: S. 3
7.
Autor und Copyrighthinweis
Dieser Beitrag wurde
von Frau Maggie Ni im Rahmen einer Hausarbeit an der Universität
Bonn im Februar 2004 erstellt.
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MAGGIE NI M.A.,
geboren am 15.12.1979, chinesische Eltern, deutsche
Staatsbürgerschaft. Seit Kindesbeinen an in Deutschland.
Bilingual aufgewachsen Deutsch/Chinesisch. Ist versucht, das
"Beste" aus beiden Kulturen zu vereinen. Studium an der Rheinischen-Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Magistra
Artium Abschluss in Germanistik, Soziologie und
Kulturwissenschaft. Seit 2006 Arbeit an der Dissertation zum
Thema "Deutsche Community in Shanghai". Hobbies, besondere
Interessen: Literatur und Musik von A-Z, Kyudo (japanisches
Bogenschießen), selber schreiben, alles was Freude bereitet
und positiv stimmt. |
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chinaweb.de, Dezember 2006 |